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Hausarrest

Hausarrest

So, jetzt haben wir also ‚Hausarrest’. Wegen irgendwelcher seltsamer Lebewesen, Viren genannt. Man sieht sie nicht, man riecht sie nicht, man merkt sie nicht – aber sie legen die halbe Welt an Ketten …

 

Nicht, dass mich persönlich das so arg stören würde. Ich gehöre sowieso – rein altersmäßig – schon lange nicht mehr zur Halligalli-Fraktion, deren einziges Freizeit-Vergnügen aus Konzerten, Bars und Saufgelagen mit Freunden besteht. Dazu brauche ich schon viel zu lange, um mich nach solchen Touren wieder zu regenerieren!

 

Mich stört es auch nicht weiter, dass wir das Haus nur verlassen sollen, wenn es gar nicht anders geht. Weil ich nämlich ganz froh bin, dass ich nicht ständig Ausreden erfinden muss, wenn ich keine Lust auf stundenlange Spaziergänge oder endlose Radtouren habe. Stubenkoller kenne ich auch nicht. Jedenfalls noch nicht. Aber wir haben ja auch erst Tag 4 der ‚Ausgangsbeschränkungen’. Ein typisches Beamtenkonstrukt, dieses Wort. ‚Hausarrest’ geht schneller und meint im Prinzip genau das gleiche!

 

Endlich kann ich mich mal entspannt zurücklehnen und meinen Terminkalender mit Ignoranz strafen. Außer ‚abgesagt’ steht sowieso nichts Wissenswertes drin. Wobei – naja – einerseits tut mir dieses ‚abgesagt’ schon weh. Alle meine geplanten Lesungen, auf die ich mich so gefreut hatte … das Tanzen, mein zweitliebstes Hobby … meine sämtlichen Stammtische … alles  ‚abgesagt’ …

 

Tja … was tut man nun mit der plötzlich verfügbaren freien Zeit?

 

Man ertappt sich plötzlich bei sehr absonderlichen Tätigkeiten. Beispielsweise dabei, dass man – bewaffnet mit Putzeimer und einem Stapel ausrangierter Geschirrtücher - in Schränken herumstöbert, die man monatelang – wenn nicht länger – mit Ignoranz gestraft hat. Gut zu erkennen an den Stellen an denen normalerweise Tassen, Teller oder Gläser stehen. Oder besser gesagt – dort, wo keine stehen ...

 

Interessant, was man da alles zu Tage fördert! Plätzchenformen (wo kommen die denn her? Ich habe doch schon Jahre keine Plätzchen mehr gebacken und dachte, ich hätte die Dinger längst entsorgt?). Ein Dutzend leere Marmeladengläser; eine Zuckerdose ohne Deckel, dafür ein Deckel, von dem ich nicht mal weiß, wohin der gehört. Büroklammern und Rouladennadeln, die ich neulich verzweifelt gesucht und das Fleisch dann mit Nähfaden zusammengebunden habe; Kugelschreiber (wer hat die da nur hingelegt?) – lauter solche Sachen, die im Geschirrschrank nichts, aber auch gar nichts verloren haben! Der Hausarrest erweist sich in dieser Hinsicht geradezu als Segen!

 

Da gäbe es noch viele solche Ecken. Kleiderschränke zum Beispiel … oder Gardinen, die nach einer Wäsche schreien … ungeputzte Fenster … vom Keller und vom Dachboden gar nicht zu reden. So viele Wochen oder Monate könnte ich gar nicht in Quarantäne verbringen, dass ich alle Schmuddelecken beseitigen könnte.  Wobei – das wäre ohnehin kontraproduktiv. Kaum ist man hinten fertig, kann man vorne wieder anfangen. Nee, danke!

 

Es gibt doch viel nettere Sachen, mit denen man die Zeit totschlagen kann. Auf der Couch herumlümmeln und lesen zu Beispiel. Oder telefonieren. Einigen meiner Freundinnen haben ich mittlerweile schon die Ohren abgequatscht … aber die sind ja teilweise ganz allein zu Hause und haben Langeweile. Somit tue ich auch noch ein gutes Werk!

 

Nein, ganz im Ernst – bis jetzt finde ich das Zuhause-bleiben-müssen gar nicht so tragisch. Wie es natürlich aussieht, wenn aus dem Hausarrest mehrere Wochen oder gar Monate werden, weiß ich nicht. Vor allen Dingen, wenn es draußen Frühling wird, die Forsythien oder die japanischen Zierkirschen blühen, alles langsam, aber allmählich zartgrün wird … ob es mir dann noch so leicht fallen wird, das Haus zu hüten? Wenn es draußen wärmer wird und man Lust hätte, die Sommersachen spazieren zu führen? Immerhin - wir gehören noch zu den Glücklichen, die einen großen Balkon haben ...

 

Ich hoffe nicht, dass es jemals dazu kommt, dass ich anfange, die Fliesen im Bad zu zählen,  Spaghetti nach Größe zu sortieren oder auszurechnen, wie viele Rollen Toilettenpapier wohl in den Kofferraum meines Autos passen würden, wenn man die Folie abmacht. Wobei – das letztere geht nicht ohne Mathematik. Und die ist mir ein Buch mit sieben Siegeln …

 

Nein, keine Sorge. Ich habe noch einen Pullover, den ich vor gefühlten zehn Jahren angefangen habe zu häkeln, und bei dem nur noch ein Arm fehlt. Könnte allerdings sein, dass der um den Bauch nicht mehr passt – wegen der vielen gehamsterten Nudeln, die wir jetzt vertilgen müssen.

 

Wie dem auch sei – mein Mann und ich nehmen den Hausarrest mit Humor. Wir haben nicht die Absicht, dem Scheidungsanwalt Arbeit zu verschaffen! Und für das andere – den Babyboom – sind wir sowieso zu alt …

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Korby (Montag, 30 März 2020 13:20)

    Einkaufen: Weil es nichts anderes mehr gabe, habe ich ein Paket Luxusklopapier gekauft. 4-lagig! Und beim Ausputzen, spielt dann das Synfonieorchester! Tja, beim Einpacken an der Kasse hat das Teil gestört und ich habe es erst mal beiseite gelegt. Da lag es dann auch noch, und der Kassier hat uns durch lautes Rufen zurückgeholt. Das teure Papier! Noch schöner waren die grinsenden Gesichter der Kunden und des Personals! In diesen Zeiten sowas liegen lassen! Wo Andere gleich 10 Packungen hamstern! Ich habe dann auch noch Bier geholt: denn was ist eine Quarantäne ohne Bier? Schrecklich - eigentlich!
    Nur seltsam: wenn ich dran denke, was ich eigentlich alles machen müßte im Garten, werd ich schlagartig müde! Kann nur die Frühjahrsmüdigkeit sein - echt!
    Übrigends: Babyboom: ich liebe zwar Babies, aber sie sind so laut - das stört meine Konzentration bei TF! Dafür riechen sie so süß nach Baby! Und wenn sie lachen, scheint die Sonne! JU

  • #2

    Christine Rieger (Montag, 30 März 2020 17:12)

    Tja, Korby - so kann es gehen, wenn man sich nicht konzentriert ... dann bleibt das Wichtigste liegen ... **grins**
    Bier brauche ich persönlich für die Quarantäne überhaupt nicht - ich trinke auch sonst keins. Nur der Kaffee - der darf auf keinen Fall ausgehen. Und die Nudeln, natürlich. Aber die mussten wir nicht extra hamstern - wir haben immer welche zu Hause.
    Frühjahrsmüdigkeit kenne ich sowieso nicht - müde bin ich das ganze Jahr ...

    In diesem Sinne - bleib gesund - der Garten kann warten!