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Verrückte Zeiten - leere Straßen

 

Momentan komme ich mir vor wie in einem surrealistischen Film. So einem, bei dem man den Eindruck hat, dass der Regisseur selber nicht so genau wusste, was das werden soll, wenn es fertig ist. ARTE sendet solche Filme ab und zu, garniert mit deutschen Untertiteln. Die laufen dann so schnell vorbei, dass man sie nicht lesen kann und weder aus der Handlung noch aus den Dialogen schlau wird. Vermutlich ist das Absicht …

 

Ich wache morgens auf, alles ist in Ordnung, es geht mir gut, ich fühle mich gesund. Spätestens jedoch, wenn ich das zweite Auge offen habe, mich aus dem Bett hieve und den ersten Blick aus dem Fenster werfe, überfällt mich die Erkenntnis, dass überhaupt nichts mehr so ist, wie es sich gehört. Die Straßen sind gähnend leer. Ebenso die Gehsteige. Die  wenigen Fußgänger, die überhaupt unterwegs sind, laufen so weit entfernt voneinander, dass sie sich – wenn überhaupt – nur schreiend einen guten Moren wünschen können.

 

Der Fernseher im Wohnzimmer läuft von früh bis spät. Sämtliche Sender überschlagen sich mit den neuesten Horrormeldungen. Zahlen von Kranken und Verstorbenen wirbeln vor meinen Augen wie meine Wäsche bei 1400 Umdrehungen in der Waschmaschine. Dazu die Virologen und die Politiker … keiner weiß etwas Genaues, aber jeder redet mit. Und die meisten widersprechen sich auch noch stündlich. Was für ein Chaos!

 

Ich flüchte unter die Dusche und frühstücke ausgiebig. Dann schenke ich mir einen Kaffee ein (wenigstens das ist so wie immer) und schlage die Zeitung auf. Und was springt mir ins Gesicht? Zahlen von infizierten und Verstorbenen, Virologen und Politiker – siehe oben.

 

Immerhin gibt es auch Lustiges zu berichten. Von den ‚Hamstern’ zum Beispiel. Ich frage mich dauernd, wieso die Leute so viel Klopapier horten. Ausgerechnet Klopapier! Was machen die bloß damit? Ja - natürlich weiß ich, was man gemeinhin damit macht. Aber doch nicht in diesen Massen! Dass die Leute Mehl und Zucker, Salz und Haferflocken bunkern, kann ich ja noch verstehen. Auch Nudeln und Reis. Aber Klopapier! Und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit … Wenn im nächsten Jahr wieder das ‚Wort des Jahres’ gesucht wird, haben ‚Corona’ und ‚Toilettenpapier‘ garantiert die besten Chancen!

 

Im Netz kursieren schon jede Menge Fotos. Von jenem Casino zum Beispiel, in dem anstelle von Jetons Klopapier-Rollen auf dem Spieltisch liegen. Oder – das Neueste: ein Einkaufswagen zum Hamstern in Überlänge – sozusagen mit eingebautem Abstandshalter … Oder die Oma, die zur Häkelnadel greift und Klorollen häkelt … Wer kommt bloß immer auf solche Ideen? Ich sitze manchmal da und lache Tränen – sehr zum Leidwesen meines Gatten, der jedesmal zu Tode erschrickt, wenn ich so unvermittelt loswiehern muss.

 

Ich bin schon gefragt worden, wie ich angesichts der derzeitigen Situation überhaupt noch lachen oder gar Witze machen kann. Ja – wenn nicht jetzt, wann dann? Im Psychologen-Jargon würde man das wohl als ‚Überlebensstrategie’ bezeichnen. Früher nannte man es schlicht ‚Galgenhumor’. Wenn man nicht verrückt werden will – und wer will das schon – ist es immer noch besser zu lachen als in Trübsal zu versinken. Die kommt vielleicht bei mir auch noch – je nachdem, wie lange es dauert, bis diese unsichtbaren Lebewesen das Weite suchen und wir wieder in die Freiheit entlassen werden …

 

Eins ist fast noch verrückter als alles andere: unsere Regierungen! Ich will hier nicht politisch werden – aber ich kann mich in meinem langen Leben nicht daran erinnern, dass plötzlich Gesetze mit einem Tempo abgefasst und beschlossen werden, dass einem schwindlig werden kann. Sonst hat man in den Parlamenten um jede Formulierung, um jedes Pünktchen gestritten und gerungen, dass die Fetzen flogen. Und auf einmal - wie von Zauberhand – werden Beschlüsse sozusagen am Fließband gefasst … Dieses Virus verursacht anscheinend nicht nur Lungenentzündung, sondern wirkt in manchen Dingen auch ziemlich heilsam.

 

Man darf gespannt sein, wie sich die ganze Sache weiter entwickelt. Langweilig wird es jedenfalls in der nächsten Zeit nicht werden!

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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