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Düstere Aussichten

 

Tag 10 der ‚Ausgangsbeschränkungen’. Zum ersten Mal ist meine Laune rapide in den Keller gerauscht. Aber nicht, weil ich an Langeweile oder Lagerkoller leide. Ich habe mich nur – wie so oft – über die zahlreichen Statements der diversen Wissenschaftler aufgeregt.

 Im Grunde bin ich selbst schuld an meiner miesen Laune. Was lese ich aber auch ständig die teilweise sehr unausgegorenen und seltsamen Geistesblitze, die manche Leute von sich geben? Die nennen sich dann ‚Experten’ und sind stolz wie Bolle, wenn ihre Empfehlungen sich in der Zeitung – respektive im Fernsehen – wiederfinden.

 Selbstverständlich gibt es auch jede Menge seriöser Wissenschaftler. Aber die lassen sich im Fernsehen nicht blicken. Die sind in ihren Laboren und arbeiten, wie es sich gehört.

 Ich will jetzt nicht die ganzen Thesen, die mir ständig begegnen, im Einzelnen aufführen. Sonst muss ich meinen Blog demnächst wegen Überfüllung schließen. Ich stelle nur immer wieder fest, dass es reichlich ‚Koryphäen’ gibt – studierte und selbsternannte. Letztere sind die mit dem Baumschul-Diplom. Die wissen alles, und weil sie gar so klug sind, müssen sie ihre kruden Einfälle aller Welt um die Ohren hauen.

 Diese ‚Weisen’ stellen Berechnungen an und  hauen Vorhersagen raus, die sämtliche Medien – zwecks Steigerung der Auflage bzw. der Klicks im Internet ­–begierig aufsaugen, aufplustern und dann den angstvoll Lauschenden (oder Lesenden) als Wahrheit präsentieren ...

 Beispielsweise habe ich gestern irgendwo von Plänen gelesen, die ‚Einschränkungen’ – speziell für ‚Die Älteren’ über 65 – könnten noch bis in den Herbst hinein aufrecht erhalten werden. Mit welcher Berechtigung stellen diese Leute eine ganze Generation als ‚gefährdet’ hin? Nur, weil sie das Pech haben, ab einem bestimmten Jahrgang geboren worden zu sein?

 Haben die noch nichts davon gehört, dass es auch Menschen in höherem Alter gibt, die nicht als gefährdet einzustufen sind? Die keinerlei Vorerkrankungen haben, die fitter sind als so viele Jüngere, und die nun kollektiv – unter dem Vorwand, sie ‚schützen’ zu müssen – von allen Kontakten abgeschnitten werden? Haben diese klugen Wissenschaftler denn die geringste Ahnung, was das für ältere, einsame Personen bedeutet, die vielleicht keine Verwandten haben, die nicht über so schöne Dinge wie Internet, Handy oder Laptop verfügen – oder diese Errungenschaften der Technik nicht nutzen können? Die nicht mehr imstande sind, ohne Hilfe zumindest den erlaubten täglichen Spaziergang zu absolvieren?

 Denkt denn niemand daran, wie sich Demenzkranke oder Bewohner von Pflegeheimen fühlen müssen, die keinen Besuch mehr bekommen dürfen? Die – so bereits in manchen Heimen üblich – ihre oft winzigen Zimmer nicht mehr verlassen dürfen? Deren einziger ‚Kontakt’ aus Pflegerinnen oder Pflegern besteht, die ihre Zimmer – verhüllt wie Marsmenschen – betreten?

 Oder die andere Seite? Jemand, der einen Angehörigen in einer Klinik oder im Pflegeheim weiß und keine oder nur wenige Nachrichten bekommt? Nicht jeder Patient oder Altenheim-Bewohner ist aufgrund seines Zustandes imstande, zu telefonieren oder WhatsApps zu schreiben! Und dann bekommt man eines Tages einen Anruf, dass der Betreffende verstorben ist … Oder – noch schlimmer – man bekommt eine Urne mit der Asche … Kann man sich den Gemütszustand dieser Menschen überhaupt vorstellen?

 Und – bitte – komme mir jetzt keiner mit der Tatsache, dass so etwas in anderen Ländern inzwischen gang und gäbe ist. Für jemanden, der einen geliebten Angehörigen auf diese Weise verloren hat, ist das kein Trost!

 Und dann kommen jüngere daher, die sich aufregen, dass ‚Die Alten’  mit ihrem Gehwagen zum Supermarkt dackeln, um nur überhaupt mal aus dem Haus zu kommen. Vielleicht die gleichen, die sich einen Dreck um Appelle und Gesetze scheren und trotzdem weiter ihre Feste feiern (dann eben irgendwo privat statt in der Öffentlichkeit). Oder die Unvernünftigen, die glauben, sich trotz allem im Park in ganzen Pulks vergnügen zu müssen? Denen es egal ist, wenn sie ihren Mitmenschen bis auf wenige Zentimeter auf den Pelz rücken?

 Nein, ich will nicht verallgemeinern. Dann wäre ich ja nicht besser als all diese Wahrsager in den Medien. Es gibt in jeder Altersgruppe  – und das ist die überwiegende Mehrheit – Menschen, die sich an die Verordnungen halten.  Ebenso, wie es in jeder Altersgruppe Menschen gibt, die aufgrund von Vorerkrankungen  mehr oder weniger gefährdet sind.

 Ich habe auch  kein Problem mit meinem Alter. Nur dann, wenn ich – wie in dieser Zeit – ständig hören und lesen muss, dass ich eigentlich unter Denkmalsschutz gestellt gehöre. Weil ich ja ‚geschützt’ werden muss. Wie eine aussterbende Tierart …

 Ja, ich weiß, es ist notwendig, dass man die Ansteckungsgefahr möglichst zu verringern versucht. Ja, es muss auch sein, dass das Personal im Krankenhaus und in Pflegeheimen nur mit Schutzausrüstung arbeitet. Sofern überhaupt vorhanden. Ja, ich finde auch die derzeitigen  Ausgangsbeschränkungen in Ordnung und ich halte mich daran. Wenn es notwendig ist, auch für mehrere Wochen. Aber nur dann, wenn sie für alle Altersgruppen gilt. Ansonsten fühle ich mich nämlich wegen meines Alters diskriminiert!

 Und noch eine Überlegung: wäre es eigentlich nicht klüger, der Natur ihren Lauf zu lassen? Und wenn ‚Die Alten’ – weil ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt – sich anstecken und krank werden und an diesem vertrackten Virus sterben – dann haben doch die ihr Ziel erreicht, die wochen- und monatelang  für ihre ‚Future’ gestreikt haben! Dann haben doch die anderen, denen man vorgeworfen hat, ihren Enkelkindern die Zukunft versaut zu haben, ihre Strafe bekommen! Und – hurra! – die Welt ist wieder in Ordnung!

 Ja, ich bin heute destruktiv, und mein Optimismus hat gerade Pause. Deshalb habe ich mir vorgenommen, ab sofort meinen Konsum an Nachrichten auf ein Minimum zu reduzieren. Damit mir das Lachen nicht endgültig vergeht …

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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