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Kein Ende in Sicht ...

 

Es geht also weiter mit dem ‚Hausarrest’. Eigentlich hatte ich sowieso damit gerechnet. Und trotzdem hat mich die Bestätigung mit aller Wucht getroffen und mir erst mal einen richtigen Tiefschlag versetzt.

 

Auch die letzten beiden Veranstaltungen, auf die ich noch gehofft hatte, sind nämlich jetzt im Eimer. Alles, was ich mir in den letzten Monaten aufgebaut hatte, kann ich vergessen und fange bei Null an. Im nächsten Jahr ... oder im übernächsten ... oder auch gar nicht. Dass es viele andere genauso oder noch schlimmer trifft, ist nur ein schwacher Trost.

 

Für mich ändert sich vorerst ... nichts. Gar nichts. Auch, wenn die Bau- und Gartenmärkte ab der nächsten Woche wieder öffnen dürfen. Die Geranien für meinen Balkon habe ich mir nebenan bei dem kleinen Lebensmittelhändler besorgt. Der fährt ohnehin jeden Tag zum Großmarkt, und ich möchte, dass der uns erhalten bleibt. Schließlich werde ich nicht jünger, und der Tag könnte kommen, dass ich nicht mehr imstande bin, zum Discounter oder in den Supermarkt zu fahren. Dann bin ich froh, wenn ich den kleinen Laden noch erreiche. Also unterstütze ich lieber den.

 

Ganz abgesehen davon: Ich habe Bilder aus Wien gesehen. Da sind die Supermärkte seit Anfang dieser Woche wieder offen. Auf drei Stunden Wartezeit vor dem Laden plus Nahkampf um Blumenerde und ein paar vermickerte Pflanzen, die die wochenlange Ladenschließung vielleicht überlebt haben, habe ich wahrlich keine Lust!

 

Also, was bleibt? Weitere Wochen mit Spazierengehen und Rad fahren, Arzt und Apotheke. Letzteres muss ich auch nicht so schnell wieder haben. Da war ich nämlich vor zwei Tagen. Ich kam mir dort vor, als hätte ich die Beulenpest.

 

Warten vor der Tür ... naja, geht ja noch, momentan ist es zum Glück nicht kalt. Drinnen: Drei oder vier mit Klebeband markierte Flächen. Wie auf einem Schachbrett, nur über Eck. Oder wie in dem Hopsespiel, das wir als Kinder gespielt haben. Mit Kreide auf die Straße gemalt, und dann musste man auf einem Bein von einem Feld zum anderen hopsen, ohne die Linien zu berühren. Ach ja, und damit es nicht so einfach war, schubste man mit den Zehen eine mit Steinchen oder Sand gefüllte Niveadose vor sich her ... Nun ja, hopsen musste ich in der Apotheke nicht. Es wurden auch keine Niveadosen verteilt. Wenigstens etwas!

 

Endlich hatte ich das letzte Feld vor der Bedientheke erreicht. Davor ein Stuhl. Nicht zum Draufsetzen natürlich, sondern wegen der Abstandshaltung. Allerdings hätte man dann auch Teleskopstangen mit Greifarmen hinlegen müssen. Solche, wie sie die Männer und Frauen von der Straßenreinigung verwenden, um Zigarettenkippen, benutzte Tempos, Coffee-to-go-Becher oder angeknabberte Brezen in den Grünanlagen aufzuklauben. Nicht jeder hat so lange Arme, dass er über die Stuhllehne hinweg bis zur Theke langen kann!

 

Über der Theke ein Spuckschutz aus Plexiglas. Dahinter die Apothekerin, ausgestattet mit weißem Kittel (gut, den trägt sie immer). Dazu schwarze Gummihandschuhe und Mundschutz. Ich erkannte sie nur an ihren Haaren. Aber gut – ich bin dort Stammkundin.

 

Was war ich froh, als ich dieses gastliche Haus wieder verlassen durfte! Das Personal in der Apotheke ist weiß Gott nicht zu beneiden!

 

Tja, und wie soll es nach dem geplanten Ende der nächsten Hausarrest-Stufe weitergehen?

 

Angeblich sollen ab Anfang Mai die Friseure wieder arbeiten dürfen. Schön für sie, und für die Kunden lebensnotwendig. Wenigstens für manche. Nur – wie soll das gehen?

 

Dass der Friseur einen Mundschutz und Handschuhe tragen kann, leuchtet ein. Aber der Kunde oder die Kundin? Was für Frisuren werden dabei wohl rauskommen, wenn der Friseur um die Gummibänder drum herum schneiden soll? Na gut – mir kann es egal sein. Ich brauche momentan noch keinen Haarschnitt.

 

Und wie wird es mit den Hygienevorschriften? Beispielsweise in den Schulen, wo es noch nicht mal ausreichend Waschbecken gibt? Wo die Toiletten marode und versifft sind?

 

Also, ich hätte da schon eine Idee. Man könnte doch an jeder Tür dicke Bürsten anbringen. Solche, wie man sie aus den Autowaschanlagen kennt. Über dem Türstock wird ein Kanister mit Desinfektionsmittel angebracht. Ausgelöst wird das Konstrukt durch Bewegungsmelder. Also, wenn jemand die Tür öffnet, wird ein Schwall Desinfektionsmittel über den Delinquenten gekippt und mittels der Bürsten der oder die Glückliche geschrubbt. Zumindest so lange, bis überall Waschbecken und Seife verfügbar sind. Und wer um diese segensreichen Einrichtungen dann immer noch einen Bogen macht, darf zur Erinnerung wieder unter die Desinfektionsdusche.

 

Selbstverständlich kann das Verfahren auch bei Lebensmittelläden, Apotheken, Arztpraxen und Gartenmärkten angewandt werden. Auch am Eingang zu Krankenhäusern, Pflegeheimen und sonst überall, wo Menschen verkehren.

 

Innerhalb kürzester Zeit wäre dann das Virus ausgerottet. Biergärten und Restaurants könnten wieder öffnen, und die ganzen Musikfestivals und Konzerte für die Partyfraktion. Die kriegen dann zur innerlichen Desinfektion noch jeder drei Flaschen Wodka. Bei den Eintrittspreisen sollte das schon drin sein!

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    margit (Sonntag, 19 April 2020 21:34)

    Hallo Christine, hab mich gerade durch deine neuen Stories gelesen - ein wahres Wechselbad, das vor Ideen sprüht. Du solltest dich bei der Bayerischen Landesregierung als Beraterin verdingen. Da hätten wir wenigstens manchmal etwas zu lachen.
    Danke für die gute Unterhaltung und LG

  • #2

    Christine Rieger (Sonntag, 19 April 2020 22:38)

    Hallo, Margit,
    so ein Beratervertrag bei der Bayerischen Landesregierung wäre bestimmt ganz lukrativ und würde die Einnahmensausfälle zumindest zum Teil kompensieren. Aber ich fürchte, da würde ich sehr schnell wieder hinausfliegen, weil ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg halten kann! **lach**
    Vielen Dank für Deinen Besuch, und liebe Grüße ins schöne Wien!
    Christine