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Hollywood lässt grüßen


Also, ich muss schon sagen – Corona treibt inzwischen seltsame Blüten! Auf was für Ideen man kommt, wenn man nicht so kann wie man will ... Aber von Anfang an.

 Bekanntlich liegt ja die Kunst-Szene (zu der auch die Autorinnen und Autoren gemeinhin gezählt werden) seit langem brach. Geschlossene Kneipen, abgesagte Lesungen, keine Auftrittsmöglichkeiten, keine Gagen, keine Honorare, kein Verdienst ...

 Ich gehöre noch zu den Glücklichen, die zumindest ein regelmäßiges Einkommen haben – nämlich meine Rente. Andernfalls wäre ich schon nach meinem ersten Buch verhungert! Aber das ist eine andere Geschichte.

 So wie mir geht es vielen – und diejenigen, die von ihrer Kunst und ihren Auftritten leben müssen, haben jetzt ganz schlechte Karten.

 Die Stadt Nürnberg, die ja bekanntlich auf der Shortlist für die Weltkulturerbe-Stadt 2025 steht, hat sich dankenswerterweise etwas für die ‚notleidenden’ Künstler ausgedacht: Sie hat einen YouTube-Kanal eingerichtet, für den man Beiträge einreichen kann und – wenn sie veröffentlich werden – auch eine kleine finanzielle Anerkennung erhält.

 Einige meiner Wortkünstler-Kolleginnen und –kollegen haben diese Möglichkeit bereits genutzt. Auch ich. Und damit kommen wir endlich zum Zweck dieses Beitrags.

 Vor ungefähr 4 Wochen habe ich unseren ‚Mehrzweckraum’ - nämlich unser Gästezimmer, das mir gewöhnlich als Büro, Ausweich-Schlafraum, Bügelzimmer und ab und an als Schmollwinkel dient – in ein ‚Filmstudio’ verwandelt. Wobei ... naja, die Hollywood-Filmer würden vermutlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen angesichts meines recht laienhaften Equipments ...

 Man glaubt ja gar nicht, wie schwierig es ist, eine einigermaßen anständige Aufnahme hinzukriegen! Also, mich hat das Ganze nicht nur einen Haufen Zeit, sondern noch mehr Nerven gekostet ... Meine ersten Gehversuche als Filmdiva sind jedenfalls grandios gescheitert!

 Ich wollte für die geplante Online-Lesung meinen Laptop benutzen, weil ich darauf einfach mehr Übersicht habe. Der wurde auf dem – höhenverstellbaren – Bügelbrett platziert. Das Regal, auf dem sich normalerweise mein Bürokram herumtreibt, wurde umgeräumt, um darin Platz für meine drei Bücher zu schaffen – ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden –, und los ging’s ...

 Die ersten fertigen Aufnahmen habe ich postwendend in die Mülltonne getreten. Meine Stimme klang, als käme sie aus einem Blecheimer (was allerdings am Mikrofon meines Laptops liegt). Miserables Licht, Schatten über meinem Haupt, das Regal hing schief ... so was konnte ich unmöglich abliefern!

 Also – Laptop weg und Handy her. Das ist relativ neu, hat eine sehr gute Kamera, aber leider die Eigenschaft, auf dem gepolsterten Bügelbrett ständig umzukippen. Mit Vorliebe dann, wenn ich sowohl den Hintergrund als auch mich in eine halbwegs akzeptable Position gebracht hatte ...

 Was nun?

 Bücherregal leer geräumt und den Inhalt zu einem Viereck angeordnet. Darin das Handy eingeklemmt ... erste Hürde genommen. Neue Aufnahmen. Immer mehrere Geschichten – damit man die beste aussuchen kann.

 Nächstes Problem: Schatten. Mal im Gesicht, dann über den Augen, mal rechts und mal links. Shit! Wieder alles gelöscht und meinen Gatten um Hilfe gebeten. Besser: laut geflucht!

 Mein Mann betätigte sich als ‚Beleuchter’, indem er alle verfügbaren Schreibtisch- und Nachttischlampen herbeischleppte und neben dem Bücherstapel aufbaute.

 Neuer Versuch. Nebenbei bemerkt: die ganze Aktion zog sich zehn Tage hin. Mit Pausen dazwischen. Das bedeutet: an jedem Filmtag erst mal ‚in die Maske’. Soll heißen: schminken, die Filmfrisur hindrapieren und wenigstens obenrum was halbwegs Präsentables anziehen. Die untere Hälfte in der ausgeleierten Jogginghose war eh nicht zu sehen.

 Immerhin war das eine gute Ablenkung von der derzeitigen Situation. Für Stunden vergaß ich Hygiene-Vorschriften, Abstandsregelungen und Nachrichten, in denen nur ein Thema vorherrschte: Corona.

 Am Tag Nummer zehn erklärte ich kategorisch: „Wenn ich jetzt wieder keinen vernünftigen Film zustande bringe, gebe ich auf!“ Ehrlich gesagt: Ich konnte meine eigenen Geschichten inzwischen nicht mehr hören, und meine Stimme klang wie ein Reibeisen für Kartoffelpuffer.

 Also: Fassadenanstrich, Oberteil wechseln, Schal um den Hals (damit die Falten nicht gar so sehr ins Auge springen), Bücherstapel aufbauen, Handy zurechtrücken, und ... ‚Klappe die Erste’

 Fünf Geschichten habe ich eingelesen, aber alle mit mehreren Versuchen. Versprecher bei der Einleitung; Augen zum Himmel oder sonstwohin, aber nie in die Kamera (allein das war eine Herausforderung); mal hing mein Manuskript im Bild oder die Wäscheklammer, mit der ich hinter mir die Vorhänge aus dem Weg geklippst hatte; dann waren Bilder im Blickfeld, die noch dazu völlig krumm und schief hingen, und als ich endlich zufrieden war, stellte mein Mann beim Sichten der Filme fest, dass ich – ausgerechnet in der Geschichte, die ihm am besten gefiel – die Nürnberger Frauenkirche in eine Marienkirche verwandelt hatte! Das ist ein absolutes NoGo und hätte vermutlich als Ausschlusskriterium bei der Stadt Nürnberg gedient – perfekte Nürnberger Mundart hin oder her.

 Die Geschichte fiel also durch den Rost, obwohl es die einzige ohne sonstiges Gestammel und / oder Versprecher war. Nochmal den ganzen Text herunterbeten und dann vielleicht wieder irgendeinen Lapsus produzieren? Nein, das ging dann doch zu weit! Ich nahm also die zweitbeste. Die gefällt zwar meinem Mann nicht so gut, aber da muss er durch. Abgesehen davon ist sie auf Hochdeutsch. Das verstehen wenigstens auch die Nicht-Franken.

 Das letzte Hindernis tauchte auf, als ich die Geschichte bei der Stadt Nürnberg hochladen wollte. Zweimal hockte ich mehr als eine Stunde vor dem Laptop – aber der Ladebalken rückte keinen Millimeter vorwärts. Wäre ich nicht irgendwann auf die Idee gekommen, meiner Autorenkollegin Jutta, die ihren Beitrag schon vor mir eingereicht hatte, einen WhatsApp-Hilferuf zu schicken – ich würde heute noch warten! An dieser Stelle: danke für Deine Unterstützung, liebe Jutta!

 Das Ende vom Lied: Zwei Wochen nach meiner ‚Filmpremiere’ ging meine Online-Lesung auf dem Kanal der Stadt Nürnberg an den Start!

 

Wer reinhören möchte: Bitte sehr – hier ist der Link:

 

 

NN 2025 STREAM FORWARD "Süße Rache"

 

 

 P.S. Das Titelfoto zeigt übrigens mein improvisiertes Filmstudio ...

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Anna Oldenburg (Freitag, 22 Mai 2020 08:48)

    Ich habe mich köstlich amüsiert! Genauso geht es mir auch, wenn ich mich in den Fallstricken der technischen Moderne verheddere ... Deinem fertigen Werk merkt davon aber gar nichts an!
    Liebe Grüße

  • #2

    Christine Rieger (Freitag, 22 Mai 2020 14:19)

    Liebe Anna,
    das finde ich ungeheuer tröstlich, dass nicht nur ich mit den Tücken der Technik zu kämpfen habe! Und wenn dann die Unzulänglichkeiten auf dem Video anderen nicht auffallen, dann - Glück gehabt.
    Vielleicht bin ich auch einfach nur zu pedantisch ...
    Vielen Dank für Deinen Besuch auf meiner Seite, und liebe Grüße
    Christine