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Konfusion

 

 

 

Wenn diese Zeit nicht so traurig wäre, könnte man sich schieflachen. Schon allein das Studium der Zeitung ist ein Hort steter Belustigung. Heute Morgen, als ich mich endlich der Zeitung von gestern widmen konnte, stand ich bis zu den Knöcheln in meinen Lachtränen!

 

Natürlich springt einen sofort das derzeit so beliebte Thema „Corona“ an. Und da unter anderem eine Karte von der Nürnberger Innenstadt. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie ein unfertiges Puzzle. Gespickt mit Straßennamen, Plätzen, Markierungen. Manche Bereiche sind knallrot unterlegt.

 

In meinem Kopf formen sich erst mal mehrere Fragezeichen. Dann lese ich den darunter stehenden Bericht und fange an zu scheckern. So sagt man hierzulande, wenn ein Franke drauflos wiehert. Zugegeben – es kommt nicht oft vor, denn die meisten Franken, so das Gerücht, gehen zum Lachen in den Keller. Ich gehöre dazu allerdings nicht – aber ich bin ja auch keine geborene Nürnbergerin.

 

Was mich so erheiterte, war die Tatsache, dass man auf den rot eingezeichneten Flächen Maske zu tragen hat. So weit, so schlecht. Witzig daran ist jedoch, dass ein Fremder, der es wagt, jetzt noch durch die Stadt tigern zu wollen, einen Fremdenführer braucht, der ihm ständig auf die Schulter klopft, wenn er die Maske aufsetzen muss oder wieder abnehmen darf.

 

Laufen Sie besser nicht vom Bahnhof direkt zum Hauptmarkt (das ist der Platz, auf dem der berühmte Christkindlesmarkt normalerweise stattfindet). Es sei denn, Sie lieben Masken. Auf dieser Strecke dürfen Sie das Teil nämlich auf keinen Fall unter die Nase hängen. Geschweige denn noch tiefer!

 

Legen Sie Wert auf frische Luft, brauchen Sie nur von der Hauptstrecke abzuweichen und irgendwelche Nebengässlein zu benutzen – die sind maskenfrei. Aber lassen Sie nie die Straßenschilder aus den Augen – es kann Ihnen nämlich passieren, dass Sie einen „Platz“ überqueren müssen, und das geht nicht „oben ohne“. Ach, übrigens: Die Frauentormauer – die ist so was Ähnliches wie die Herbertstraße in Hamburg – ist von der Maskenpflicht befreit. Aber das nur nebenbei. Ist ja ohnehin nur für Männer wichtig.

 

Wen wundert’s, das manch einer keine Lust mehr hat, die Innenstadt mit seinem Besuch zu beehren? Also, mich nicht!

 

Ein weiteres Feld der Belustigung sind die diffusen Inzidenzwerte. Mehr als fünfunddreißig in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner? Mehr als fünfzig? Über hundert? Ja, welche Ampel gilt denn nun? Die Grüne, die Gelbe, die Rote oder doch die Dunkelrote? Und vor allem: welche Auflagen sind bei diesen Ampelfarben jeweils zu beachten?

 

Noch dazu handhabt jede Stadt das irgendwie anders. In Fürth dürfen Sie dies, in Nürnberg genau das Gleiche überhaupt nicht, und Erlangen hat wieder andere Vorschriften. Die eine Schule macht total dicht, weil ein einziger Schüler infiziert ist, eine andere schickt nur die Schulklasse in Quarantäne. Bei einigen muss die Maske ständig getragen werden (die armen Kinder), bei anderen darf sie im Schulhof runtergenommen werden (oder umgekehrt?) Ich weiß das leider nicht mehr so genau, denn erstens habe ich weder Kinder noch Enkel, und zweitens ein miserables Gedächtnis. Also, so allmählich bezweifle ich stark, dass die „Erfinder“ dieses ganzen Tohuwabohus selber noch durchblicken!

 

Irgendwie erinnert mich das Ganze immer mehr an den hochgradig dementen Bewohner eines Pflegeheims, den ich vor Jahren erlebt habe. Den lieben langen Tag fuhr im Rollstuhl durch die Gänge, und das Einzige, was er noch sagen konnte, war: „Iiich kenn mi nimmer aus!“ ... Iiich kenn mi nimmer aus ... Iiich kenn mi nimmer aus“...

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

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