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Das falsche Gesicht

 

Also, irgendwas muss mit mir nicht stimmen. Dass ich zwei linke Hände habe, weiß ich seit meiner Kindheit. Dass aber auch mein Gesicht nicht der gängigen Norm entspricht, musste ich erst im Corona-Sommer erfahren. Bis dahin war ich eigentlich ganz zufrieden damit, wenn man mal davon absieht, dass die Falten mittlerweile nur noch mit größeren Mengen Spachtelmasse zu tarnen sind. Immerhin – sie sind zu tarnen. Noch. Wobei das ja gar nicht mehr wichtig ist. Seit der von oben verordneten Pflicht zum ganzjährigen Maskenball sieht man eh nicht mehr viel vom Gesicht.

 

Womit ich beim Thema meines heutigen Tagebruch-Eintrags angekommen wäre – diesen vermaledeiten Masken. Ich verabscheue die Dinger zutiefst. Ich sehe damit aus, als käme ich aus der Geisterbahn (oder ich wäre auf dem Weg dahin). Die Teile sitzen nämlich nie da, wo sie hingehören. Jedenfalls nicht bei mir.

 

Um mit Maske auch nur halbwegs klarzukommen, sollte man einen Kopf haben wie ein Riesenkürbis, die Ohren von Mister Spock, Pinocchios Nase und die Glatze von Kojak. Ansonsten ist man verratzt.

 

Die Gummibänder von den Dingern verheddern sich ständig in meinen Locken, rutschen mir von den zu kleinen Ohren (falls nicht vorher das Gummiband abreißt), und weil mir nur ein kleines Näschen mitgegeben wurde, habe ich die Stofffetzen beim Sprechen ständig zwischen den Zähnen. Pfui Deibel! Deshalb rede ich mit Maske nicht so viel wie sonst. Manch einer ist vielleicht sogar froh drum ...

 

Dass ich beim Betreten von geschlossenen Räumen vorübergehend blind bin, weil meine Brille beschlägt, sei nur nebenbei erwähnt. Ohrringe trage ich schon gar nicht mehr. Zum Glück brauche ich auch kein Hörgerät. Aber selbst wenn – ich würde mir gar keins anschaffen. Dann muss ich wenigstens nicht ständig das Corona-Gschmarri ertragen! Sie merken schon – ich brauche unbedingt ein anderes Gesicht! Oder andere Masken.

 

Dabei habe ich schon so viele probiert. Geschenkte aus Stoff, selbst gebastelte aus alten Unterhemden, und natürlich die chinesischen Vliesteile, die man gemeinhin von Fußpflegerinnen, Kosmetikerinnen oder Zahnärzten kennt. Wobei die neuerdings sogar welche mit ihrem Firmenlogo im Gesicht hängen haben. Also meiner zumindest. Das macht ihn leider ziemlich unattraktiv. Wenn ich ihn nicht schon ohne gesehen hätte, würde ich zu Tode erschrecken!

 

Mich würde mal interessieren, bei wem die chinesischen Hersteller Maß nehmen, wenn sie ihre Schnittmuster herstellen. Bei den eigenen Einwohnern garantiert nicht, denn ich habe noch nie Asiaten mit solchen Riesenköpfen gesehen! Mir reichen die Dinger fast bis zur Stirn. Nett, wenn man dann den Drahtbügel in den Augen hat. Dann hätte man sich die Schminke sparen können – die hängt nämlich in der Maske. Vielleicht sollte ich das Teil bis zum Haaransatz raufziehen? Dann müsste ich wenigstens das ganze Elend nicht mehr sehen. Groß genug wäre der Lappen auf jeden Fall! Untenrum reicht er fast bis zum Busen. Zu spät für mich – die Erdanziehung hat bereits zugeschlagen. Andernfalls könnte ich mir nämlich den BH sparen. Aber vielleicht ist das ja ein heißer Tipp für die jüngeren Frauen?

 

Nein, wohl kaum. Die tragen nämlich keine 08/15-China-Produkte. Die behängen sich – passend zum Outfit – mit Leopardenlook, Blümchen oder niedlichen Katzenmotiven. Männer bevorzugen eher Totenköpfe, alberne Smileys oder doofe Sprüche. Manche ziehen sich auch einfach das T-Shirt über die Nase. Im Winter auch den Rollkragenpullover. Bloß erwischen lassen darf man sich nicht!

 

Normalerweise mache ich um Fernsehberichte einen großen Bogen. Die drehen sich seit zehn Monaten vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche nur noch um Corona. Manchmal kommt man aber nicht aus, wenn der Fernseher, dem Göttergatten zuliebe, über Stunden hinweg vor sich hin waffelt.

 

Gestern oder vorgestern habe ich im Vorbeirennen auf dem Weg zum Balkon einen dieser Virologen sagen hören, die Masken müssten in Zukunft „sexy“ werden! Na, der hat Nerven! Vielleicht sollte man ihn ja mal zu Knoblauchspaghetti einladen und anschließend mit dem Bus nach Hause schicken. Ob er die Maske dann auch noch so „sexy“ findet?

 

 
 

© Christine Rieger / 2020

 

 

 

 

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