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Küchenlust und Küchenfrust

 

Eigentlich halte ich mich nicht unbedingt für einen Glückspilz. Im Gegenteil. Aber mit der Wahl meiner „besseren Hälfte“ habe ich das große Los gezogen. Und das nicht nur, weil er ein ausgezeichneter und begeisterter Hobbykoch ist. Seine Schweine-,  Gänse- und sonstigen Braten sind unübertroffen. Auch wenn er das – warum auch  immer – nicht hören mag.

 

Von mir kann man das ganz bestimmt nicht behaupten. Im Gegenteil. „Ich kann kochen, um zu überleben“, wie es eine Freundin – allerdings bezogen auf ihre eigenen diesbezüglichen Qualitäten – einmal so treffend ausgedrückt hat. Auf Deutsch: Ich koche, um nicht zu verhungern. Ständig bloß Wurstbrote sind nämlich auch nicht das Gelbe vom Ei!

 

Neulich habe ich – aber das nur nebenbei – wieder mal unseren Vorratsschrank kontrolliert. Ich mache das von Zeit zu Zeit, um ‚überlagerte’ Konserven oder Sonstiges, das im Eifer des Gefechts  ganz nach hinten gerutscht ist, aufzustöbern.

 

Dieses Mal war es eine Dose mit Aprikosen, in Österreich ‚Marillen’ genannt. Die war schon eine Weile über dem Verfallsdatum und musste dringend weg. Was also damit machen? Marillenknödel wären eine Idee. Hm. Wie macht man die? In Österreich weiß man das vermutlich aus dem Handgelenk. Ich weiß nur, wie sie schmecken. Gott sei Dank hat Tante Google für fast alles eine Lösung. Und selbstverständlich Rezepte auf Lager. Für jeden Geschmack, jeden Geldbeutel und auch für noch so exotische Zutaten.

 

Das Rezept für die Marillenknödel auf dem Handy, schleppe ich mich in die Küche. Wie gesagt – mein Lieblingsraum in der Wohnung ist das nicht. Aber – „wat mut, dat mut“, sagen die Nordlichter.

 

Die Küche ist ein Chaos. Obwohl wir noch eine von den berühmten ‚Wohnküchen’ der Nachkriegszeit unser eigen nennen – mit ausziehbarem Esstisch, Eckbank und einer riesigen Arbeitsfläche. Wenn ich aber darauf irgendwas ‚arbeiten’ will, ist gewöhnlich umfangreiches Aufräumen angesagt. So auch heute.

 

Der freie Platz auf besagter ‚Arbeitsfläche’ beträgt allenfalls zwanzig Zentimeter im Quadrat. Der Rest wird belagert. Kaffemaschine, Espressoautomat, Küchenmaschine, Gewürzregal, Wasserkocher, Kaffeedose. Eine zweckentfremdete Gefrierdose mit Backzutaten für Brot braucht den meisten Platz. Daneben steht ein Tellerchen mit einem halben Apfel und ein weiteres mit drei Bananen. Eine davon besteht lediglich aus der Schale. Den Rest teilen sich ein Fladenbrot und ein Essteller mit einem Viertel Marmorkuchen.

 

Fluchend packe ich das ganze Stillleben und stelle es auf den Küchentisch. Dann geht es an die Arbeit. Endlich!

 

Erst mal die Pellkartoffeln für den Teig. Während die kochen, hetze ich ins Bad und bestücke die Waschmaschine – schon zum dritten Mal heute. Im Gästezimmer auf dem Bett stehen die fertigen Ladungen und warten aufs Aufhängen. Keine Zeit – mache ich später.

 

Zurück in die Küche. Beim Öffnen der Konservendose hopst mir der Deckel davon und rollt unter die Eckbank, eine klebrige Spur hinterlassend. Sch...! Ich reiße ein paar Küchentücher von der Rolle und krabble auf allen Vieren hinterher, um die Sauerei aufzuwischen. Beim Aufstehen renne ich mir den Kopf am Tisch an. Gehirnerschütterung? Nein, kann nicht sein. Höchstens Hohlraumprellung.

 

Endlich wieder in der Vertikalen stelle ich fest, dass die Kartoffeln übergekocht sind. Noch eine Sauerei wegwischen! Irgendwie ist heute nicht mein Tag ...

 

„Ist das Essen noch nicht fertig? Ich hab Hunger!“ Mein Gatte.

 

„Es dauert noch. Könntest du später wenigstens die Semmelbrösel anrösten?“

 

„Sag mir Bescheid, wenn es so weit ist!“ Weg ist er.

 

Ich wiege die Zutaten ab – Mehl, Grieß, Butter und was sonst noch nötig ist. Beim Eiertrennen kleckert mir das halbe Eiweiß auf die Arbeitsplatte. Die Schale fällt runter und kleckert dort auch. Meine Flüche werden nicht nur lauter, sondern auch sehr ausgefallen. Um nicht zu sagen, sie sind nicht zitierfähig.

 

Der Küchenwecker schrillt. Die Kartoffeln sind gar. Zum Glück flitzt gerade meine bessere Hälfte vorbei und ich bitte ihn, sie abzugießen. Bis jetzt habe ich es nämlich fast immer geschafft, mich bei dieser Tätigkeit zu verbrühen. Muss man nicht haben!

 

Die Kartoffeln müssen abkühlen. Warum, ist mir nicht klar, denn die Marillenknödel kommen doch hinterher ins kochende Wasser? Egal. Es steht so im Rezept. Man muss ja nicht alles verstehen!

 

Ich nutze die Zeit, um die Wäsche aufzuhängen und den Tisch zu decken. Aber wohin jetzt mit den ganzen Tellern, die ich da vorhin abgestellt habe? Hiiilfe! Auf die Eckbank? Geht nicht. Da liegen meine Bastelsachen für Weihnachten. Die Arbeitsplatte ist verschmiert – mit Eiweiß und Aprikosensaft. Also ab in den Flur. Da ist Platz. Zweimal hin und her gerannt, dann ist alles verschwunden. Dass mir unterwegs das Fladenbrot runterfällt, ist nicht so tragisch – die Plastiktüte ist noch drum.

 

Meine Güte, ist das eine Sauerei, bis ich den Teig portioniert und plattgedrückt und die glibberigen Aprikosen so darin verstaut habe, dass sie nicht mehr raus können! Ich kriege auch keine zwölf Knödel raus – bei mir werden es nur sieben. Komisch! Das soll aber nicht mein Problem sein. Wir sind eh nur zu zweit.

 

Mein Göttergatte tigert in die Küche und nimmt sich der Semmelbrösel an. Das Wasser kocht. Ich bugsiere die Knödel hinein. Meine Brille nervt mich heute auch zu Tode. Entweder sie rutscht oder sie läuft an. ich schmeiße sie entnervt auf die Bastelsachen, wobei mir der eine Bügel abbricht. Das merke ich aber erst eine Weile später, als ich sie wieder aufsetzen will.

 

Immerhin: Die Marillenknödel sind keine kulinarische Missgeburt, wie sie mir öfter unterlaufen, wenn ich etwas Neues ausprobiere. Sie werden restlos aufgegessen!

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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