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Die Revanche

 

Verdammte Technik! Seit einer Dreiviertelstunde hocke ich vorm Laptop und versuche, mich bei Skype einzuloggen. Das Programm runterzuladen war selbst für mich kein Problem. Nur ist es nicht gewillt, mein mühsam zusammengeschustertes Passwort entgegenzunehmen. Das Biest behauptet ständig, es wäre falsch. Woher will es das wissen? Ich habe doch noch gar keinen Account angelegt!

 

Ich fackle nicht lange. Geduld ist nicht meine Stärke. Kurzerhand deinstalliere ich das Programm wieder. Dann eben nicht! Sollen die Mädels doch ihren Stammtisch ohne mich abhalten. Bei den letzten realen Treffen war ich auch nicht dabei und niemand hat mich groß vermisst. Hat man mir jedenfalls zugetragen.

 

Doch der Ehrgeiz ist größer. Immerhin wollen wir heute gaaanz feierlich das 25-jährige Bestehen unseres Stammtisches feiern. Die Silberhochzeit sozusagen. Wir, das sind ehemalige Kolleginnen, die viele Jahre lang gemeinsam durch dick und dünn gegangen sind. Bis die Geschäftsführung beschloss, den Firmensitz aus steuerlichen Gründen ins Ausland zu verlagern. Zack, saßen wir auf der Straße. Oder besser: ein Teil von uns stand Schlange beim Arbeitsamt. Die drei Ältesten, alle kurz vor dem Rentenalter, durften in den Vorruhestand. Die Glücklichen ...

 

Um uns nicht aus den Augen zu verlieren, haben wir ein paar Wochen später den Stammtisch gegründet. Insgesamt sind wir dreizehn. Wie bei Dornröschen. Eine böse Fee haben wir auch. Aber dazu später ...

 

Ich weiß nicht mehr, wer von uns auf die Idee kam, die Jubiläumsfeier virtuell abzuhalten. Vermutlich war es Susi. Sie ist die Jüngste von uns und war schon immer ein As in Sachen Technik. Im Gegensatz zu mir. Wer mich kennt, weiß. dass technische Geräte aller Art meine Todfeinde sind. Selbst die in der Küche.

 

Mein Blick fällt auf die Uhr, die unten rechts eingeblendet ist. Noch eine gute halbe Stunde. Ich muss mir dieses komische Skype untertan machen – das wäre doch gelacht!

 

Ich installiere das Programm neu. Mein Passwort will es immer noch nicht. Aber ich ‚vergesse’ es jetzt einfach und lasse es zurücksetzen.

 

Na bitte – geht doch! Diesmal kann ich mich einloggen. Gerade noch rechtzeitig.

 

Pling ... pling ... pling ... klingt es blechern aus dem Lautsprecher meines Laptops. Ich beäuge ratlos die Symbole auf meinem Monitor. Keine Ahnung, was die alle bedeuten. Immerhin ist das mein allererstes Skype-Date überhaupt!

 

Probeweise klicke ich irgendwo hin und fahre erschrocken zurück, als mich auf meinem Bildschirm Susis Gesicht anschaut. Wie es funktioniert, dass jemand, der fünfzehn Kilometer von mir entfernt wohnt, plötzlich auf meinem Monitor erscheinen kann, hinterfrage ich lieber nicht. Die Erklärung wäre mir ohnehin zu hoch. Mein technisches Verständnis ... Sie wissen schon ...

 

Noch bevor ich Susi begrüßen kann, ploppen nach und nach weitere Fenster auf. Lachende Gesichter, winkewinke in die Kameras. Nur hören kann ich nichts. Ich sehe nur lauter Münder, die auf- und zuklappen. Wie bei Fischen im Aquarium.

 

Verdammter Mist, ich hab doch nichts an den Ohren, wieso verstehe ich nichts?

 

Anscheinend habe ich laut gedacht und die anderen können mich sehr wohl hören. „Schau mal nach, ob dein Lautsprecher eingeschaltet ist!“ Susi hält einen Zettel in die Kamera.

 

Oh Gott, was mache ich jetzt? Woran sieht man das denn?

 

Mein Göttergatte, wesentlich bewanderter in Sachen Technik als ich, hat mein Gezeter bis ins Wohnzimmer gehört. Er wetzt herein, winkt kurz meinen Kolleginnen zu, nimmt mir die Maus aus der Hand und klickt unterhalb des Bildschirms irgendwo hin. Und siehe da: Auf einmal habe ich Empfang! Und erinnere mich daran, dass ich vor langer Zeit den Ton abgeschaltet habe, weil mich das ständige Gepiepse genervt hat.

 

Wunderbar – jetzt können wir loslegen. Nein – immer noch nicht. Maria fehlt noch. Wenn die auftaucht, sind wir komplett. Die anderen haben entweder heute keine Zeit oder gar kein Internet.

 

Schon interessant, wenn man mittels Kamera einen Blick in fremde Zimmer werfen kann! Dummerweise haben die meisten den Hintergrund unscharf gestellt. Ich wusste gar nicht, dass das geht. Andernfalls hätte ich nicht vorhin noch hektisch aufräumen müssen. Der Anblick meines Gästezimmers ist gewöhnlich für fremde Augen ... naja ... nicht unbedingt geeignet.

 

Bei Susi ist der Hintergrund gut zu erkennen. Es tröstet mich, dass es bei ihr auch nicht gerade ordentlich ist. Hinter ihr, auf einem Schränkchen, türmen sich Bücher, Zeitschriften, Papiere. Ein Riesenstapel, so schief wie der gleichnamige Turm von Pisa. Wenn der mal nicht umfällt ... Aber das ist zum Glück nicht mein Problem.

 

Susi ist auch sonst ... sagen wir ... ein bisschen unbedarft. Sie erinnert mich immer an ein unbekümmertes Kind. Aber jeder mag sie. Ich kann mich nicht erinnern, dass Susi jemals schlechte Laune hatte, auch wenn im Büro die Hölle los war. Stets war sie es, die einem drohenden Zickenkrieg mit einem zweideutigen Witz oder einer lustigen Bemerkung die Spitze nahm.

 

Es gibt nur eine in unserer Runde, die Susi nicht leiden kann. Womit wir bei unserer ‚bösen Fee’ wären – Maria. Ihr frommer Name passt überhaupt nicht zu ihr. Im Gegenteil. Maria kann keinen Menschen leiden. Wahrscheinlich nicht mal sich selbst. Ihr Spitzname ist ‚Skorpion’. Weil sie genau so giftig ist.

 

Wir hätten uns alle gewünscht, dass sie an unserem Jubiläums-Stammtisch durch Abwesenheit glänzt. Aber den Gefallen tut sie uns nicht. Gerade, als ich die Runde fragen will, ob der Maria es sich vielleicht anders überlegt hat, ploppt ein weiteres Fenster auf und der Skorpion glotzt mich an.

 

„Hallo, Mädels“, grüßt die ‚böse Fee’ huldvoll und streicht ihr akkurat gekämmtes, rabenschwarz gefärbtes Haar aus der Stirn. Sie muss inzwischen über siebzig sein (ihr genaues Alter hält sie geheim), und das unnatürliche Schwarz lässt sie noch älter erscheinen. Maria sieht aus wie ein Gruftie.

 

Der Blick in den Raum hinter ihr offenbart ihre Persönlichkeit. Hinter ihrem Kopf ein Regal mit Büchern, penibel ausgerichtet. Desgleichen die beiden gerahmten Fotos, die rechts und links davon hängen. Sie muss eine Wasserwaage benutzt haben – anders kriegt man das nicht hin. Die einzigen Gegenstände, die die Symmetrie stören und ganz offensichtlich nicht ins Regal gehören, sind ein Sektglas und ein Piccolo.

 

Ach du lieber Himmel, wir wollen ja heute auf unser Jubiläum anstoßen! Das habe ich total vergessen!

 

Hastig renne ich in die Küche, um das in der Hektik vergessene Gesöff zu holen. Eigentlich mag ich keinen Sekt. Aber was tut man nicht alles aus Freundschaft ...

 

Als ich zurückkomme, ist mein Bildschirm schwarz. Schei...! Ich habe wieder vergessen, den Akku zu laden. Und dieses Mistding von einem Laptop warnt mich nicht, wenn es kurz davor ist, das Zeitliche zu segnen. Nein, die verwünschte Kiste steigt ohne Vorwarnung aus. Vorzugsweise dann, wenn ich einen seitenlangen Text verfasst und noch nicht gespeichert habe. Oder mitten in einer wichtigen E-Mail ...

 

Bis ich das Ladekabel in das winzige Loch gefummelt, den Rechner wieder hochgefahren und mich endlich mittels diverser Anmeldedaten und Passwörter wieder bei Skype eingefunden habe, sind mehrere Minuten vergangen.

 

Schallendes Gelächter empfängt mich. Ich kann gerade noch Susis Rücken sehen. Mit wehenden Locken rennt sie durchs Zimmer in Richtung Tür. Der Grund der allgemeinen Heiterkeit: Susi ist zwar oben herum gestylt, als ginge sie zum Silvesterball. Doch das, was normalerweise unter dem Schreibtisch verschwindet, ist sehenswert. Susi hat nämlich weiter nichts an als dunkle Retro-Shorts, eindeutig ein Teil, das einem männlichen Wesen gehört. Auf dem Hinterteil prangt ein knallroter Kussmund.

 

Im Türrahmen erscheint ein Jugendlicher, vielleicht dreizehn oder vierzehn, und reicht ihr einen Pappbecher und eine geöffnete Sektflasche.

 

„Die Sektgläser sind alle dreckig. Was anderes habe ich nicht gefunden. – Und dann, völlig entgeistert: „Mami ... wie läufst du denn rum? Hast du wieder vergessen, deine Wäsche zu waschen, weil du dich bei Papi bedient hast? Deine Kolleginnen können dich doch sehen!“

 

„Ja du lieber Gott, soll ich vielleicht unten ohne rumlaufen?“, fragt Susi ohne jede Verlegenheit.

 

„Nee. Aber du könntest wenigstens was drüberziehen!“, bemerkt ihr Sohn, bevor er aus dem Blickfeld verschwindet.

 

Oh, Susi!

 

Ich an ihrer Stelle wäre vor Peinlichkeit im Erdboden verschwunden. Nicht so Susi. „Hallo, Mädels, es freut mich, dass ich zu eurer Belustigung beitragen konnte“, bemerkt sie trocken. „Vermutlich haltet ihr mich jetzt für pervers, aber meine Waschmaschine ist kaputt und der Monteur kommt erst in zwei Tagen. Mein Unterwäschevorrat ist zu Ende – was sollte ich also machen? – Aber erzählt doch mal, wie geht‘s euch? Schön, euch endlich mal wiederzusehen – wenn’s auch nur am Bildschirm ist“, plappert sie übergangslos weiter.

 

Im nächsten Moment schnattern alle durcheinander. Ich komme mir vor wie im Gänsestall. Irgendwann verschafft Maria sich Gehör, indem sie kurzerhand auf ihren Schreibtisch haut, dass bei uns die Lautsprecher scheppern.

 

„Also, Mädels, so geht das nicht. Dieses Durcheinandergeplärre ist ja nicht auszuhalten!“, brüllt sie dazwischen.

 

Wieder einmal ist es Susi, der es gelingt, die Situation zu retten. „Maria hat Recht. Da wir hier nicht in einer Gaststätte sind, läuft das etwas anders. – Nachdem ich bekanntlich die einzige von euch bin, die mit der Technik nicht auf dem Kriegsfuß steht“, fährt sie grinsend fort, „ernenne ich mich hiermit zur Versammlungsleiterin. Ihr habt alle auf eurem Bildschirm einen Button mit der Aufschrift ‚Wortmeldung’. Wer was zu sagen hat, klickt da drauf. Ich erteile der betreffenden Person das Wort. Alle anderen haben dann Sendepause!“

 

 „Also bitte – doch nicht alle auf einmal!“, spottet Susi, als sich auch nach zwei Minuten noch niemand gemeldet hat. „Was ist – hat es euch auf einmal die Sprache verschlagen? – Also, wenn niemand etwas zu sagen hat, dann schlage ich vor, wir trinken erst mal auf unser 25-jähriges Stammtisch-Jubiläum. Prost, Mädels!“

 

Sie nimmt den Pappbecher, den sie während ihrer Ansprache mit Sekt gefüllt hat und hält ihn in die Kamera. Jetzt kommt Bewegung in die Versammlung. Eine Minute später werden sieben gefüllte Sektkelche präsentiert. Susis Pappbecher wirkt dazwischen wie ein Putzeimer auf der Kaffeetafel.

 

„Schade, dass wir dieses Ereignis nicht, wie geplant, in einer Gaststätte begehen können. Ich hatte mich so darauf gefreut!“, fährt Susi fort. „Aber in diesem verdammten Jahr ist einfach nichts wie es sein sollte. Immerhin sind wir alle gesund. Deshalb – stoßen wir auf die vergangenen 25 Jahre an und darauf, dass wir uns bald alle wie gewohnt treffen können! Cheers!“ Sie nimmt einen Schluck aus ihrem Becher, bevor sie weiterspricht. „Wir haben übrigens heute noch etwas zu feiern: Liebe Maria, ich gratuliere dir zu deinem neuesten Roman und wünsche dir viel Erfolg!“ Sie langt  hinter sich, nimmt eins der Bücher vom Stapel und hält es in die Kamera.

 

‚Veronika Scharf. Die heimlichen Freuden des Lehrers Fink’ lautet der Titel. Auf dem Cover ein halbnacktes Pärchen in eindeutiger Position.

 

Ich bin nicht die einzige, der vor Überraschung beinahe das Sektglas aus der Hand fällt. Vielstimmiges Geschrei ertönt aus meinem Lautsprecher. Nur eine schweigt – Maria, der ‚Skorpion’. Ihr Gesicht ist tomatenrot. Zum ersten Mal in ihrem Leben weiß sie nicht, was sie sagen soll.

 

Susi grinst hinterhältig. „Tja, meine Lieben, jetzt wisst ihr es. Maria hat nach der Beendigung ihres Arbeitslebens angefangen, Pornos zu schreiben. Ihre Bücher sind mittlerweile die Haupteinnahmequelle des Verlags ... und das hier ist ihr dreizehnter Roman!“

 

„Ich werd‘ verrückt!“ Corinnas Stimme. „Ausgerechnet Maria schreibt Pornos! Und ich dachte immer, du weißt nicht mal, dass es zwei verschiedene Sorten Menschen gibt, so tugendhaft und verklemmt wie du dich immer gegeben hast“, fügt sie feixend in Richtung des Skorpions hinzu.

 

„Susi, du verdammtes Miststück, wie kommst du dazu, mich derart bloßzustellen?“, fragt Maria eisig. „Und woher weißt du überhaupt ....“

 

„Meine Liebe, du hast mich im Büro jahrelang bloßgestellt“, antwortet Susi mit seidenweicher Stimme. „Keine Gelegenheit hast du ausgelassen, mich beim Chef in die Pfanne zu hauen. Jede noch so winzige Verfehlung hast du ihm zugetragen und meinen Ruf ruiniert. Ich habe es nur den anderen zu verdanken, dass ich nicht gekündigt worden bin. Und ich habe mir geschworen, es dir eines Tages heimzuzahlen!“ Sie legt das Buch beiseite. „Und woher ich von deinem Undercover-Dasein weiß? Ganz einfach: Der Verlag, der deine Schmuddelschinken veröffentlicht, gehört meinem Bruder. Prost!“

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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