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Lockdown mit Nebenwirkungen

 

 Huch, ist das aufregend! Zum ersten Mal seit einer Woche will ich aus dem Haus! Nein, ich war natürlich mal draußen, zur Mülltonne und zum Briefkasten. Sonst nicht. Wer hat schon Lust, bei Dauerregen und tiefhängenden Wolken draußen rumzulaufen? Klar, es gibt solche Fanatiker. Zu denen zähle ich aber nicht!

 

Heute bleibt mir aber nichts anderes übrig. Ich muss schließlich meine Weihnachtskarten zur Post bringen. Jedenfalls die schon fertig geschriebenen. Ein Päckchen habe ich auch. Ja, ich weiß, ich bin in diesem Jahr sehr früh dran – heute ist erst der vierzehnte Dezember. Aber sicher ist sicher. Lieber haben die Empfänger die Karten zu früh als erst zu Ostern!

 

Vermutlich werden in diesem Jahr alle Post- und Paketdienste überrannt. Das werden sie zwar alle Jahre wieder, aber heuer ganz besonders. Nicht nur, weil sehr viele Leute online einkaufen (ich auch), sondern – mangels Gelegenheit zur persönlichen Ablieferung – ihre Geschenke per Post auf die Reise schicken (ich nicht).

 

Tja. Da steh ich nun vor meinem Schrank, und nichts ist drinnen – Corona sei Dank, geht es mir durch den Kopf, während ich den Inhalt mit den Augen durchforste. Wieso mir ausgerechnet jetzt der Spruch des klugen Herrn Goethe von dem ‚armen Tor’ einfallen muss? Nun ja, arm dran bin ich schon irgendwie.

 

Nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Mein Schrank ist nicht leer. Im Gegenteil. Aber auf den ersten Blick ist nichts mehr drin, das mir nach neun Monaten Shutdown und Lockdown mit und ohne ‚light’ noch passen würde. Schon gar keine Hose!

 

Der Reihe nach zerre ich alle Hosen aus dem Schrank und probiere sie an. Immer mit demselben Ergebnis. Lediglich zwei aus meinem umfangreichen Sortiment kriege ich immerhin bis zur Taille. Allerdings nur, wenn ich die Luft anhalte. Alle anderen gehen mit Mühe und Not noch über die Knie und dann ist Schluss. Weiter geht’s nicht. Der Corona-Speck hat sich schon an den Keulen ... ähm ... an den Oberschenkeln breit gemacht. Im wahrsten Sinne des Wortes!

 

Ausgerechnet in diesem Augenblick kommt meine bessere Hälfte herein. Er will sich eine Jacke holen und dann zu einer seiner ‚Dienstfahrten’ aufbrechen. So nennt er seine täglichen Lebensmittel-Einkaufs-Trips.

 

 „Na, hommer gwies a weng zougleecht?“, fragt er mit einem süffisanten Grinsen. „Hom si die Kartofflchips und die Blätzla aaf die Hüfdn og’setzd?“

 

Ich hole schon tief Luft, um ihn dezent daran zu erinnern, dass ich erstens schon wochenlang nicht genascht und zum zweiten schon gar keine Plätzchen zu mir genommen habe. Aber er lässt mich gar nicht zu Wort kommen.

 

„Wart amol, des hommer glei!“, sagt er hilfsbereit, geht ins Wohnzimmer, wo ich meine Stopf- und Nähutensilien aufbewahre und kommt mit einem Gummiband zurück. Er hält mir meine ehemalige Lieblingsjeans, hin, in die ich im März noch ohne Weiteres hineingepasst habe. Leider ist das Teil schon recht altersschwach. Aber das kennt man ja von seinen textilen Lieblingen – man zieht sie so lange an, bis sie buchstäblich in Fetzen hängen!

 

 „Hobb, zäich däi amol ooh“, kommandiert er. Ich winde mich in das Teil hinein wie ein Schlangenmensch. Nur nicht ganz so gelenkig. Mein Mann fädelt den Gummi durch das Knopfloch, verknotet ihn und drapiert das andere Ende über den Knopf. Dann tritt er zurück und betrachtet sein Werk. „Den Reißverschluss moust hald off’m loun, bemerkt er. „Obber wennsd an Bullover und die Jagg’n drieber zäigst, nou sichtmer des ja ned."

 

Nun ja – bequem ist es nicht. Aber für die halbe Stunde, die ich bis zur Post und zurück brauche, muss es gehen. Ich habe schließlich keine andere Wahl.

 

Ich stopfe meine Weihnachtspost in eine in eine große Plastiktüte (Gott sei dank habe ich noch ein paar solcher Antiquitäten gehortet), denn ein beiläufiger Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass es immer noch schüttet wie aus Kübeln. Auch das noch!

 

Denn Fassadenanstrich, früher ein Muss (ich wäre ungeschminkt nicht mal zur Mülltonne gegangen), erspare ich mir. Wozu auch? Das meiste davon verschwindet sowieso unter dem Mundschutz. Und die Augen? Brauche ich mir auch nicht anzumalen. Auch die sieht man nicht. Ich laufe sowieso im Nebel herum, sobald ich einen Laden betrete. Und wer soll mich schon erkennen? Mit Mütze auf dem Kopf, Maske vorm Gesicht und angelaufener Brille könnte ich ohne Weiteres eine Bank überfallen!

 

Im Eiltempo renne ich zu meinem Auto. Heute habe ich Glück. Ich finde fast vor dem Eingang zur Postagentur einen Parkplatz. Das ist fast wie ein Sechser im Lotto!

 

So, jetzt erst mal Maske aufsetzen. Zum Donnerwetter, ich hasse diese Dinger! Meine Haare, dank geschlossener Friseurläden überlang, verheddern sich in den Gummibändern. Die Brille hängt auf halbmast, die Mütze über dem rechten Auge. Bis endlich alles dort sitzt, wo es hin soll und ich aussteigen kann, vergehen fast zehn Minuten. Und mein Repertoire an Schimpfwörtern bekommt gehörig Zuwachs!

 

Ich steige aus, tappe halb blind um meinen Wagen herum, öffne die Beifahrertür und bücke mich, um mein Marschgepäck aus dem Fußraum zu holen. Das hätte ich nicht tun sollen!

 

In dem Moment, als ich nach meinem Rucksack grabsche – sehen kann ich immer noch nichts –, höre ich es krachen und merke, wie die Hose nachgibt. Entsetzt lange ich nach hinten und stelle fest, dass genau neben der Naht der poröse Stoff dem Druck nicht mehr standgehalten hat und die Jeans vom Bund bis zu den Oberschenkeln zerrissen ist. Zu allem Unglück rutscht auch noch das Gummiband vom Hosenknopf, und als ich mich aufrichte, hängt die Hose an meinen Knöcheln. Mitten in einer Wasserlache!  Ich habe es, wie so oft, geschafft, die einzige Pfütze im Umkreis von hundert Metern anzupeilen.

 

Caramba! Maledetto! Shit!  Hoffentlich sieht und hört mich jetzt niemand!

 

Ich schmeiße meinen Rucksack und die Weihnachtspost auf den Rücksitz, krabble ins Auto und hieve mich über die Gangschaltung hinweg auf den Fahrersitz. Mit der vor Nässe triefenden Hose um die Knöchel. Wissen Sie, was das für ein Gefrett ist? Aber in diesem Zustand noch ums Auto herumlaufen? Mit deutlich sichtbarer Unterhose? Geht gar nicht!

 

Wütend reiße ich mir die Mütze vom Kopf und die Maske vom Gesicht, zerre meine entgleiste Hose notdürftig nach oben, starte den Motor und fahre wie von Furien gehetzt nach Hause.

 

Mein Mann starrt mich an wie eine Erscheinung, als ich, mit einer Hand meine Jeans festhaltend, in die Wohnung schleiche. Mein Gesicht muss wohl Bände sprechen, denn er enthält sich jeden Kommentars.

 

Wortlos nimmt er mir meine Tüte mit der Weihnachtspost und den Autoschlüssel aus der Hand und geht zur Tür.

 

 „Iich schaff edzerdla des Zeich zur Post, dass a Rouh is“, erklärt er dabei. „Und du zäigst dei alde Jogginghuusn  ooh, und nou b’schdellst der im Inderned neie Huusn. Obber am besdn glei zwaa Nummern gräißer!“

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Anna Neder von der Goltz (Donnerstag, 17 Dezember 2020 17:32)

    Liebe Christine,
    eine sehr humorvolle Geschichte und den Ausdruck "Corona-Speck" werde ich mir merken.

  • #2

    Christine (Donnerstag, 17 Dezember 2020 17:43)

    Liebe Anna,

    vielen Dank für Deinen Besuch auf meiner Seite und Deinen Kommentar.
    Ganz so schlimm wie in meiner Geschichte dargestellt ist es zwar (noch) nicht, aber ein bisschen was habe ich leider schon angesetzt ...
    Liebe Grüße
    Christine