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Weihnachts-Vision

 

Heute haben wir den 19. Dezember. Also nur noch wenige Tage bis zum heiligsten aller Feste – Weihnachten. Und je näher die Feiertage rücken, um so mehr werden wir mit ‚guten’ Ratschlägen versehen, wie wir in diesem Jahr zu feiern haben. Mit wem, wie lange, und am liebsten allein. Oder noch besser: überhaupt nicht.

 

Die ‚intelligentesten’ Tipps kommen oft von so hochoffiziellen Institutionen wie RKI, WHO, Gesundheitsministerium oder wie sie alle heißen. Ich bringe die ganzen Ämter ständig durcheinander. Weil auch alle paar Stunden wieder jemand anders seinen Senf zur aktuellen ‚Lage der Nation’ von sich gibt.

 

Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es war die WHO, die vor drei Tagen den Vogel abgeschossen hat. Letzten Endes ist das auch egal. Die weisen Ratschläge sind an Absurdität nicht mehr zu überbieten!

 

Die betreffende Institution empfiehlt doch tatsächlich allen Ernstes, auch innerhalb der Familie unterm Tannenbaum einen Mundschutz zu tragen und das Fest, wenn möglich, ins Freie verlagern!

 

Prompt habe ich mir die Situation bildlich ausgemalt und Tränen gelacht wie lange nicht mehr. Und das um ein Uhr nachts ...

 

Stellen Sie sich vor, es ist Heiligabend. Oder besser: Heilignachmittag. Denn in diesem Jahr haben ja alle ab 21.00 h Hausarrest. Soll heißen, danach hat sich niemand mehr auf den Straßen rumzutreiben. Es sei denn, einem Familienmitglied steckt eine Gräte vom Karpfen im Hals, der Tannenbaum hat das Haus in Brand gesetzt oder der Hund muss dringend pinkeln.

 

Wenn man dann wie früher erst um sieben oder noch später mit dem Essen anfängt, schafft man es nicht mehr, die Geschenkeflut zu bändigen und die Gäste rechtzeitig hinauszukomplimentieren.

 

Also fängt man schon am Nachmittag an. Zum Glück wird es schon ab fünf stockfinster, denn im Hellen wirkt die Beleuchtung am Christbaum bei Weitem nicht so gut.

 

Gesagt, getan.

 

Der Weihnachtsbaum steht in diesem Jahr im Garten. Oder, falls nicht vorhanden, auf dem Gehsteig vor dem Haus. Was bei Mehrfamilienhäusern schon mal eine logistische Herausforderung ist. Schließlich muss ja der Mindestabstand eingehalten werden.

 

Unter dem Tannenbaum sind auf zweckentfremdeten blauen Abfallsäcken die Geschenke drapiert, damit das Einwickelpapier auf dem regenfeuchten Boden nicht in seine Bestandteile zerfällt.

 

Nachdem der Esstisch zu unhandlich ist, um ihn wegen ein paar Stunden nach draußen zu wuchten, hat man sich mit den Plastikmöbeln beholfen, die Erwin heute Nachmittag aus dem Keller geholt und notdürftig mit einer ausrangierten Unterhose saubergemacht hat. Es kommen sowieso Kissen drauf. Nicht, dass Oma Thilde oder Opa Theodor einen kalten Popo oder gar eine Blasenentzündung kriegen!

 

Gegessen wird dieses Jahr von Papptellern. Annelie hat bei dem Versuch, ihr gutes Porzellan ins Freie zu tragen, das Tablett fallen lassen. Neues Geschirr zu beschaffen war aufgrund geschlossener Läden unmöglich. Und gemeinsam aus einer Schüssel zu essen ist wenig ratsam. Wegen der Ansteckungsgefahr, Sie wissen schon. Schließlich können Viren ja auch auf dem Besteck kleben und dann im Kartoffelsalat landen! Igitt!

 

Tja, und nun trudeln die vier Gäste ein – Tochter Susi, Schwiegersohn Thomas und die beiden Enkelkinder. Tobi ist am zwanzigsten Dezember vierzehn geworden und zählt, wenn man die Buchstaben der staatlichen Verordnung penibel auslegt, schon zu den Erwachsenen. Aber wir drücken mal ein Auge zu. Wegen der vier Tage wird schon keiner was sagen. Oma und Opa leben im gleichen Haus und zählen nicht. Ist ja schließlich derselbe Haushalt. Jedenfalls fast. Und Enkeltochter Klara ist erst zehn. Wären dann also summa summarum acht Personen.

 

Hm. Der Platz auf der Terrasse langt nicht. Wegen der Abstandsregelung. Also werden die Stühle auf dem Rasen aufgestellt. Erwin misst mit dem Zollstock, damit rings um jeden Platz eineinhalb Meter frei bleiben. Wie das mit dem Essen funktionieren soll, ist nicht sein Problem. Darüber soll Annelie sich Gedanken machen.

 

Oma Thilde und Opa Theodor sind die ersten. Sind sie eigentlich immer, weil von Natur aus überpünktlich, und dann wohnen sie ja auch im Haus – siehe oben.

 

Beide sind gekleidet wie für eine Polarexpedition. Dicke Wintermäntel, Mützen auf dem Kopf, Schals um den Hals, FFP2 Maske vorm Gesicht (gab’s umsonst in der Apotheke). Gestrickte Handschuhe, Flanellhosen, Snowboots (dabei schneit es gar nicht, das Thermometer steht auf drei Grad plus). Obendrein haben sie jeder zwei Wolldecken dabei.

 

Erwin, endlich mit dem Ausmessen der Abstände fertig, hat die Stühle aufgestellt und komplimentiert seine Schwiegereltern hinein – auf die beiden Plätze, die direkt am provisorischen ‚Esstisch’ stehen. Dann schleppt er einen großen Kochtopf herbei, in dem Glühwein brodelt und stellt ihn auf den sicherheitshalber angeheizten Grill. Irgendwie muss die Brühe ja warmgehalten werden, und wenn sie den ganzen Abend im Freien hocken sollen, brauchen sie was zum Aufwärmen. Und um die Gäste bei Laune zu halten.

 

Er hüllt Oma Thilde und Opa Theodor sorgsam in die mitgebrachten Decken, stellt jedem ein Glas Glühwein auf den Tisch und rennt hektisch ins Haus, als ihm einfällt, dass er seine Maske vergessen hat.

 

Inzwischen sind Tochter, Schwiegersohn und Enkelkinder eingetrudelt, alle ähnlich gewandet wie Oma und Opa. Nur die Masken variieren. Die Auffälligste ist die von Thomas – die ist mit einem Totenkopf bedruckt. Enkel Tobi trägt Spiderman, Tochter Susi Tigerlook und Enkelin Klara rosa Blümchen.

 

Die sonst obligatorische Umarmung entfällt. Bussis gibt es heuer auch nicht. Was auch mit der Maske ausgesprochen unappetitlich wäre.

 

Nur Annelie, die Hausfrau, fehlt. Der letzte Karpfen schwimmt noch in der Friteuse, und die kann sie nicht unbeaufsichtigt lassen.

 

„Heute ist Selbstbedienung!“, hört man sie aus der Küche rufen. „Aber vor der Küchentür warten und Teller mitbringen!“

 

„Wie an der Gulaschkanone im Krieg!“, protzelt Opa Theodor.

 

„Bleib sitzen, ich hole dir was“, bietet Susi ihrem Großvater  hilfsbereit an.

 

Es sieht schon drollig aus, wie einer nach dem anderen durch den halben Garten pflügt, Lehm und Gras auf der Terrasse und auf dem Parkett im Wohnzimmer verteilt und dann einen nur halb gefüllten Teller zurück jongliert. Die Pappdinger vertragen keine großen Portionen, sonst verbiegen sie sich.

 

Die schlabbrigen Teller werden auf den Knien balanciert – wegen der Abstandsregelung dürfen nur Oma und Opa am Tisch sitzen. Der Glühwein, inzwischen nur noch lauwarm, steht neben dem Stuhlbein am Boden. Über der Armlehne hängt die Maske. Unters Kinn soll man sie nicht ziehen, auf den Rasen schmeißen wäre unhygienisch, und sonst ist nichts da, wo man sie deponieren könnte.

 

Was für eine gemütliche Stimmung! Zumal es auch wieder anfängt zu nieseln ...

 

Endlich hat auch Annelie Feierabend. Sie schaltet die Friteuse aus, zieht ihren Mantel über die Küchenschürze und legt den letzten Karpfen auf eine Servierplatte. Die trägt sie nach draußen, um endlich auch zu essen.

 

Doch so weit kommt sie nicht.

 

Auf der Terrasse rutscht sie auf einem der zahllosen Lehmbatzen aus, die inzwischen die Fliesen verzieren. Sie verliert das Gleichgewicht, will sich irgendwo festhalten, erwischt den Weihnachtsbaum und reißt ihn mit sich zu Boden. Die Servierplatte mit dem Karpfen fliegt durch die Luft. Opa Theodor kann gerade noch seine Nase in Sicherheit bringen, bevor Platte und Karpfen im Gartenteich landen.

 

Und das Ende vom Lied?

 

Der Tannenbaum liegt in der Horizontale, die Geschenkpäckchen im Regenwasser. Immerhin – Annelie hat sich nicht weiter wehgetan, und der Karpfen schwimmt wieder in seinem Element.

 

Na denn – Fröhliche Weihnachten!

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Inga Scheer-Ruhland (Sonntag, 20 Dezember 2020 12:46)

    Aua! Mein Bauch tut mir weh vor lauter Lachen!
    Ich war mittendrin im Geschehen.
    Schade nur, dass es keine Satire, sondern bittere Tatsache 2029 ist.

  • #2

    Christine (Sonntag, 20 Dezember 2020 13:14)

    Liebe Inga,
    Ob Du es glaubst oder nicht - ich habe mich schon beim Schreiben schiefgelacht! Obwohl das eigentlich alles andere als witzig ist.
    Leider wird es wohl dieses Jahr so oder ähnlich bei vielen Familien aussehen. Insofern bin ich froh, dass wir das Problem nicht (mehr) haben!
    Liebe Grüße und - Frohe Weihnachten. Trotz allem ...

  • #3

    Margit (Montag, 28 Dezember 2020 09:31)

    Sehr witzig und clever ins Absurde gesteigert. Habe sehr gelacht. Besonders über den Karpfen, der seinem Element zurückgegeben wurde.

    LG Margit

  • #4

    Christine (Montag, 28 Dezember 2020 11:22)

    Liebe Margit,

    Vielen Dank für Deinen Besuch auf meiner Seite und Deinen Kommentar!
    Dieses Ende ist mir urplötzlich während des Schreibens eingefallen. Das passiert mir oft. So kommen die überraschenden Schlussszene meiner Geschichten zustande. Wenn ich lange darüber nachdenke, klappt das so gut wie nie ...
    Liebe Grüße
    Christine