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Struwwelpeters Auferstehung

 

 

Also, im Moment überlege ich ernsthaft, auszuwandern. Nein, nicht ins Ausland. Obwohl es da auch schön ist. Da habe ich nämlich ein Sprachproblem. Außer Deutsch und ein paar übrig gebliebenen Brocken Englisch spreche ich nämlich nur ironisch und sarkastisch. Manchmal auch zynisch. Aber damit kommt man in keinem Land der Welt recht weit ... Nein, ich denke an eine Auswanderung nach NRW. Und das kommt so:

 

Vor ein paar Tagen kam eine höchst interessante Meldung über den Nachrichtenticker. Die Betreiberin eines Hundesalons hat auf Öffnung ihres Ladens geklagt und – Recht bekommen!

 

Aha. Ein Hund darf also das Fell getrimmt kriegen. Auch die Zehennägel dürfen geschnitten waren. Oder nennt man das bei Tieren anders? Hufe restaurieren? Keine Ahnung – ich habe kein Haustier. Leider. Das wäre momentan gar nicht schlecht. Aber dazu später.

 

 Die Frauchen und Herrchen der betreffenden Haustiere haben dagegen schlechte Karten. Die Friseure sind schon seit Wochen zu und es sieht danach aus, dass eine Öffnung derselben in ferner Zukunft liegt.

 

Mir ist zwar schleierhaft, wie man einem Hund den Pelz mit eineinhalb Meter Abstand ondulieren kann, während das bei Menschen nicht gehen soll. Aber gut – ich sehe ein, dass es bei einem Hund nicht ganz so schlimm ist, wenn die Schere mal abrutscht und vielleicht das eine oder andere Fellhaar zu viel abgeschnitten wird. Was beim Menschen zu recht schrägem Aussehen führen kann.

 

Wobei ... naja, also wenn ich momentan in den Spiegel schaue, überkommt mich das kalte Grausen. Ich sehe aus wie eine explodierte Klobürste und könnte ohne Weiteres dem Erfinder des Struwwelpeter als Modell dienen.  Oder die Hauptrolle in dem Musical ‚Hair’ spielen. Ich müsste bloß besser singen können!

 

Aber was soll’s – schließlich werden früher oder später alle so rumlaufen. Oder zumindest diejenigen, die kein hilfreiches Familienmitglied haben, das Haare schneiden kann. Wobei ich den Suppentopf-Look strikt ablehne. Dann lieber Haare bis zum Hintern!

 

Hinzu kommt noch, dass einen mit der angeordneten Vollvermummung sowieso keiner erkennt. Also mich würde selbst meine beste Freundin mit Ignoranz strafen, sollten wir uns auf der Straße begegnen. Mütze auf dem Kopf (oder wahlweise Kapuze). Schal um den Hals oder Rollkragen bis zum Kinn.  Schweineschnauzen-ähnliche weiße Maske, die einem immer von den Ohren rutscht und dafür sorgt, dass die Brille so undurchsichtig ist, als wäre sie ins Speiseöl gefallen ... In dieser Aufmachung könnte ich getrost eine Bank überfallen. Mich erkennt sowieso niemand.

 

Aber zurück zu meinem Wunsch, nach NRW auszuwandern. Dass in Bayern die Öffnung der Hundesalons erlaubt wird, ist in absehbarer Zeit kaum zu erwarten.

 

Ich stelle mir jetzt einfach mal vor, ich ziehe nach Dortmund oder Düsseldorf oder sonstwohin. NRW ist groß ... Dort schaffe ich mir einen Hund an. Zum einen, weil ich mit dem auch während der Ausgangssperre das Haus verlassen darf (schließlich kann ich nicht verlangen, dass Hasso oder Bello seine Bedürfnisse nach den Vorgaben der Politik richtet). Der zweite, und in diesem Fall entscheidende Vorteil wäre allerdings der Hundefriseur.

 

Und jetzt kommt’s: Ich melde mein Haustier in einem dieser Salons an. Zum Betätigen der Glocke nehme ich meine Wanderstöcke mit. Die kann ich auf eineinhalb Meter Abstand einstellen. Wenn die Tür sich öffnet, lasse ich meinen Hund von der Leine, damit er in den Salon kann. Ich selbst warte geduldig draußen. Dass es mir dabei ganz schön kalt wird – sei’s drum. Für sein Haustier tut man doch alles!

 

Nach erfolgter Aktion, wenn mein Bello oder Hasso wieder, frisch onduliert, ins Freie entlassen wird, hänge ich mir die Hundeleine um den Hals und robbe auf allen Vieren in den Laden. In der Hoffnung, dass die Inhaberin (oder der Inhaber) nicht so genau hinguckt und mir auch eine neue Frisur verpasst. Einen Versuch wäre es zumindest wert!

 

Sollte ich das Pech haben, dass ausgerechnet in diesem Augenblick eine Polizeistreife oder das Ordnungsamt vorbeischaut, kann ich sogar bellen. Wuff!

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2021

 

 

 

 

 

 

 

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