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Es geht aufwärts - vielleicht ...

 

In diesem Jahr haben wir, zumindest hier in Nürnberg, einen Winter wie im Bilderbuch. So viel Schnee ist zuletzt im Dezember 2010 gefallen – also vor mehr als zehn Jahren. Und was ist? Wir haben nichts davon! Jedenfalls nicht die Skifahrer und die Liftbetreiber. Die weinen vermutlich inzwischen bittere Tränen. Die einen, weil sie sich nach Abfahrtslauf, Snowboarding und Aprés Ski sehnen. Die anderen, weil ihnen das Geschäft ihres Lebens entgeht ...

 

Deutschland hockt nämlich immer noch im Lockdown. Und es wird gemunkelt, dass der morgen wieder verlängert wird, wenn sich die ‚High Society der Regierung’ zur nächsten ‚Beratung’ trifft. Da kommt Freude auf!

 

Die Österreicher sind da schon ein bisschen weiter. Die dürfen seit gestern wieder in die Läden, zum Friseur, zur Massage, in den Kosmetiksalon und zur Fußpflege. Aber jetzt kommt’s: Zu den sogenannten ‚körpernahen Dienstleitungen’ (wer hat bloß dieses Gwaaf wieder erfunden?) hat man nur mit negativem Corona-Test Zutritt. Der darf aber nicht älter als 48 Stunden sein. Und die Leute ‚derhudzn’ sich fast, um nur ja mit dabei zu sein. Nicht zu fassen! Die Friseure sind schon für Wochen ausgebucht, und die Schlangen in der Wiener Innenstadt vor den Klamottenläden scheinen kein Ende zu nehmen ...

 

Naja – einerseits ist es durchaus verständlich, dass man wieder ein bisschen Normalität haben will. Aber – normal? Unter solchen Voraussetzungen? Also, ich weiß nicht ...

 

Ich stelle mir jetzt einfach mal vor, das käme auch bei uns. Ausgeschlossen ist ja gar nichts mehr. Und dann nehme ich im Geiste meinen Terminkalender vom vorletzten Jahr zur Hand. Das war damals, Sie wissen schon, als es noch keine Viren und keine Einschränkungen, keine Abstandsregelungen und keine Masken gab.

 

Also nehmen wir an, in meinem Kalender steht Folgendes:

 

 

 

Montag 15.00 Uhr:                 Fußpflege

 

Dienstag 11.00 Uhr:                Zahnarzt

 

Dienstag 18.00 Uhr:                Stammtisch Nr. 1

 

Mittwoch 18.00 Uhr:              Tanztraining

 

Donnerstag 14.00 Uhr           Stammtisch Nr. 3

 

Freitag 11.00 Uhr:                   Massage

 

Freitag 13.00 Uhr:                   Friseur

 

Samstag, 20.00 Uhr:              80. Geburtstag Onkel Hans

 

Sonntag, 12.00 Uhr:               Karpfenessen  mit Monika und Fränzchen

 

 

 

So, das war’s. So oder ähnlich sah mein Terminkalender immer wieder mal aus. Natürlich nicht dauernd – aber so drei, vier Termine waren pro Woche immer drin.

 

Und nun verraten Sie mir bitte mal, wie ich das mit den geforderten Corona-Tests hinkriegen soll! Also ehrlich – ich bin da leicht überfordert. Zumal Rechnen ohnehin nicht zu meinen Stärken zählt. Schreiben kann ich definitiv besser!

 

Aber - versuchen wir es einfach mal.

 

Also, wenn ich zur Fußpflege will, muss ich schon mal am Samstag zum Test (haben da die Stationen überhaupt geöffnet? Sonst muss ich den Termin nämlich verschieben!) Zahnarzt ... hm ... will der auch einen Test? Da muss ich direkt vorher anrufen ... und irgendwie am Sonntag noch einen Test einschieben, denn der vom Samstag gilt ja dann schon wieder nicht mehr! Oje!

 

Die beiden Stammtische und das Tanztraining könnte ich notfalls ausfallen lassen – obwohl ich die Kollegen und / oder Freunde alle schon ewig nicht mehr gesehen habe. Auf jeden Fall muss ich dann wegen der Massage und dem Friseur am Mittwoch ... oder am Donnerstag ... wieder zum Testen anrücken ... Also wirklich - die spinnen doch!

 

Wie stellen die Damen und Herren Politiker sich das überhaupt vor? Da verbringe ich ja mehr Zeit in den Teststationen und beim Warten aufs Ergebnis! Und wehe, ich bin positiv – dann gehe ich überhaupt nirgends hin, sondern in Quarantäne. Und unter die Fuchtel des Gesundheitsamtes ...

 

Wissen Sie was? Die können mich alle mal am Abend besuchen! Lieber hocke ich für den Rest meines Lebens daheim, glotze aus dem Fenster und beobachte meine Nachbarn, wenn sie aus dem Haus hetzen zur nächsten Testorgie. Ich könnte ja ein Ratespiel draus machen, einfach zum Zeitvertreib ...

 

Ungefähr so: Isolde Köhler geht heute bestimmt zum Test, weil sie morgen ins Kosmetikstudio will. Sie hat mir mal erzählt, dass sie da Stammkundin ist. Nun ja, bei den Runen im Gesicht hat sie’s auch nötig! Ihren Gatten schleift sie gleich mit – der muss dringend zum Friseur. Ottokar sieht nämlich schon aus, als wären die Motten über seine schüttere Haarpracht hergefallen ... Vielleicht hat Isolde ja versucht, ihm die Haare zu schneiden? Und die neuen Mieter aus der dritten Etage, von denen ich noch nicht mal den Namen weiß – wo die wohl hinwollen? Schwangerschaftsgymnastik? Oder ist sie gar nicht schwanger, sondern vom Lockdown so fett geworden? Interessantes Spiel! Könnte ich lange so weitermachen!

 

Ich selber habe mir den Friseur längst abgeschminkt. Was soll ich auch dort? Die Haare wachsen sowieso wieder, und wenn sie mal meine Fersen erreicht haben, schneide ich einfach einen halben Meter ab. Das reicht dann wieder für drei, vier Jahre Lockdown.

 

Aber eins sage ich Ihnen: Sollte jemals wieder so etwas wie ‚Leben’ stattfinden, bewerbe ich mich in Hollywood. Für die Neuverfilmung von ‚Rapunzel’. So!

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2021

 

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