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Deutsche Gründlichkeit

 

Impfen ... Impfen ... Impfen ...

 

So lautet das Gebot der Stunde, wenn man den Virologen, Politikern, Nachrichtensprechern und Klinikärzten glauben darf. Von denen, die sich ständig in den einschlägigen Talkshows tummeln und für kompetent halten, gar nicht zu reden.

 

Wunderbar. Andere Länder, allen voran Israel, überbieten sich inzwischen darin, wer die meisten Bürger geimpft hat. Einmal, oder schon zweimal. Die Engländer reden mittlerweile davon, bald mit der Impfung Nummer drei anfangen zu wollen, die zur Auffrischung dienen soll.

 

Und Deutschland? Oje ...

 

Mir steht es zwar dienstgradmäßig nicht zu, Kritik an den Zuständen zu üben. Das habe ich auch nicht vor. Aber die Lage aus meiner Sicht schildern – das darf ich. Hoffe ich jedenfalls!

 

Also, als erstes standen die Impfzentren bereit. Die wären schon im Dezember startklar gewesen. Doch es fehlte der Impfstoff. Als dann das erste Serum endlich verfügbar war, begann das Desaster...

 

Es musste erst einmal eine ‚Priorisierungsliste’ erstellt werden. Soll heißen: Wer kommt in welcher Reihenfolge an die Reihe? So weit, so gut. Nachdem hierzulande aber für alles erst eine tagelange Debatte mit nachfolgendem Parlamentsbeschluss erforderlich ist, kann das schon mal einige Zeit dauern.

 

Dann stand die Liste. Doch es war den ‚Bevorrechtigten’ – nämlich den über 80-jährigen – nahezu unmöglich, einen Impftermin zu ergattern. Vielleicht hätten die klugen Experten berücksichtigen sollen, dass die Wenigsten in diesem Alter über einen Internetanschluss verfügen oder in der Lage sind, sich durch die Online-Formulare zu arbeiten. Von der Anforderung, eine Mailadresse vorweisen zu müssen, nicht einmal zu reden.

 

Tage- und wochenlang war es, nach Aussage von Betroffenen, unmöglich, telefonisch beim Impfzentrum durchzudringen, um vielleicht auf diese Art und Weise an einen Impftermin zu kommen. Ich möchte lieber nicht wissen, wie viele Personen gar keinen Termin mehr nötig hatten. Weil sie während dieser Bemühungen an Altersschwäche gestorben sind.

 

Nun ja, ich will nicht ungerecht sein. Damit konnte man doch in der Verwaltung nicht rechnen, dass diejenigen, die geimpft werden sollen, sich auch um einen Termin bemühen. Und dann auch noch alle auf einmal!

 

Leider waren das nicht die einzigen Stolpersteine. Mit der Zulassung weiterer Impfstoffe wurde auch das Chaos größer. Der eine Impfstoff muss bei minus 70 Grad transportiert werden. Minus 70 Grad! Mir geht dauernd die Frage durch den Kopf: Wie kriegt man das eisgekühlte Zeug überhaupt aus dem Röhrchen raus? Abbrechen? Oder vorher auftauen? Aber dann ist doch die Kühlkette unterbrochen? Fragen über Fragen ... Aber – die zu beantworten ist schließlich nicht meine Aufgabe. Immerhin gibt es auch Impfstoffe, die man im Kühlschrank lagern kann. Na bitte – geht doch!

 

Dann kam noch ein anderes Problem hinzu: Viele Impftermine wurden nicht wahrgenommen, weil die Probanden einen bestimmten Impfstoff rundweg ablehnten. Wohin nun mit der kostbaren Brühe? Auf die andere ganz wild, aber nicht ‚priorisiert’ – sprich: noch nicht alt oder krank genug sind?

 

Ein Nachrichtensprecher brachte es einmal auf den Punkt: „Die geimpft werden dürfen, wollen nicht – und die wollen, dürfen nicht ...“

 

Wobei wir bei den ‚Impfdränglern’ wären. So werden die genannt, die es wagen, sich in der Reihenfolge nach vorne zu schmuggeln. Weil sie entweder glauben, kraft ihres Amtes dazu berechtigt zu sein. Oder ein kleines Bakschisch am richtigen Ort abliefern können. Oder schlichtweg: weil sie an der Quelle sitzen.

 

Ich will jetzt um Himmels willen nicht diesen Vordränglern das Wort reden. Aber man verfolgt ja auch diejenigen mit der ganzen Härte des Gesetzes, die einen in der Ampulle übrig gebliebenen ‚Schuss’ (weil einfach zu viel drin war), nicht in die Tonne schmeißen, sondern jemandem aus dem Umfeld zugute kommen lassen. Daran ist ja nun wirklich nichts Verwerfliches. Nur ist es peinlich, wenn man dabei erwischt wird, dass der auf diese Weise Beglückte die eigene Ehefrau oder sonst jemand aus der Familie war, der zu diesem Zweck extra ‚einbestellt‘ wurde ...

 

Ein weiteres Beispiel der deutschen Gründlichkeit ist der Plan, nach Ostern (oder wurde das Datum schon wieder geändert?) auch die Hausärzte in die Impfungen mit einzubeziehen. Ja, jetzt schon? Ich fasse es nicht!

 

Selbstredend muss erst mal ein ‚Testlauf’ stattfinden. Hä? Eigentlich dachte ich immer, jeder Arzt kann eine Spritze setzen! Wieso muss er das bei der Corona-Impfung erst mal üben? Oder gar eine mehrtätige Schulung absolvieren? Wer Medizin studiert hat, sollte doch auch imstande sein, einen Beipackzettel zu lesen und zu interpretieren. Oder nicht?

 

Manchmal fehlen mir tatsächlich die Worte. Was bei mir Seltenheitswert hat – die mich kennen, wissen Bescheid. Aber in der letzten Woche hat es mir wirklich die Sprache verschlagen. Stellen Sie sich vor: Jeder Hausarzt soll nach Ostern 20 Impfdosen erhalten. Für eine ganze Woche. WOW! Da müssen doch die Ärmsten und ihre Mitarbeiter eine Zusatzschicht fahren, damit sie das alles schaffen – schließlich sind die ganzen anderen Krankheiten ja auch noch da!

 

Jaja, ich verstehe, der eine Impfstoff muss bei minus 70 Grad gekühlt werden. Das kann nicht jeder Hausarzt. Für 20 Dosen (das dürften, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, vier oder höchstens fünf Fläschchen sein) einen solchen Superkühlschrank anzuschaffen, lohnt sich nicht wirklich. Aber wie wäre damit, dieses sensible Zeug an die Impfzentren zu liefern und den Hausärzten die weniger empfindsamen Flüssigkeiten zur Verfügung zu stellen? Meine Güte – so schwer kann das doch nicht sein!

 

Ich als blutiger Laie empfehle den Politikern, für die Logistik einen Fachmann heranzuziehen. Einen richtigen Fachmann! Man frage doch mal bei Spediteuren oder Versandhändlern an. Da sitzen welche, man nennt sie ‚Disponenten’ die wissen, wie’s geht. Nur die Bahn – die würde ich außen vor lassen. Die habe es nämlich auch nicht so mit der Organisation. Und schon gar nicht mit der Pünktlichkeit!

 

© Christine Rieger / 2021

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Joachim Klarner (Mittwoch, 31 März 2021 22:07)

    Ohne die deutsche Gründlichkeit hätten wir diesen Beitrag verpasst!
    Jo

  • #2

    Christine Rieger (Mittwoch, 31 März 2021 22:14)

    Auch wieder wahr ... :-) Vielen Dank für Deinen Besuch und Deinen Kommentar!

    Liebe Grüße

    Christine