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Kastanienliebe (Teil 2)

Und hier kommt die Fortsetzung der Geschichte

von der vergangenen Woche ...

Foto © Christine Rieger

  Im ‚Dorfkrug’ brennt Licht. Dabei ist es noch nicht einmal vierzehn Uhr. Katharina hat es vor wenigen Minuten eingeschaltet - andernfalls hätte man die Hand nicht vor Augen sehen können. Draußen tobt mit unverminderter Gewalt ein heftiges Unwetter. Zuckende Blitze wechseln sich mit ohrenbetäubendem Donner ab - schon seit fast zwei Stunden. Das Gewitter hat sich in dem engen Tal häuslich eingerichtet und macht keine Anstalten, weiterzuziehen.

 Katharina erwartet heute keine Gäste. Nicht bei so einem Wetter. Da bleiben die Dorfbewohner zu Hause. Touristen verirren sich sowieso fast nie hierher. Dazu liegt der Ort zu weit ab von der Autobahn.

 Die beiden Männer, die ihr am Tisch gegenübersitzen, sprechen kein Wort. Toni, ihr Sohn, stochert lustlos in seinem Teller herum. Lorenz dagegen isst mit gutem Appetit. Als sein Teller leer ist, bittet er um einen Nachschlag.

 „Ich habe lange nicht so gut gegessen!“, lobt er. „Kochst du selbst?“

 „Ich muss.“ Katharina schiebt ihren leeren Teller zur Seite. „Einen Koch kann ich mir nicht leisten. Übernachtungsgäste kommen selten hierher – und von den paar Bier, die am Stammtisch getrunken werden, kann ich kein Personal bezahlen.“

 „Ich gehe rüber in den Stall“, unterbricht Toni, der bisher kein Wort gesprochen hat. „Nachsehen, ob die Teerpappe noch dicht ist –  sonst regnet es rein.“ Sekunden später klappt die Tür, und er ist verschwunden.

 „Wieso hast du mir nie erzählt, dass ich … einen Sohn habe?“, fragt Lorenz.

 „Wie sollte ich? Du bist an meinem 18. Geburtstag bei Nacht und Nebel verschwunden. Niemand wusste, wohin du gegangen bist!“

 „Was hast du denn erwartet? Hätte ich auf deiner Hochzeit mit Marek Beifall klatschen sollen?“

 „Es gab keine Hochzeit“, sagt sie einfach.

 „Ja – aber ….“

 Katharina steht auf, geht zum Tresen und kommt mit zwei vollen Bierkrügen zurück, die sie auf den Tisch stellt.

 „Es gab keine Hochzeit“, wiederholt sie. „Ich wollte das alles überhaupt nicht. Meine und Mareks Eltern haben alles arrangiert. Sie haben uns sozusagen schon ‚verheiratet’, als wir kaum auf der Welt waren. Wie das im Dorf so üblich war. Die ‚Kinder’ wurden nicht gefragt.“

 „Hast du ihn geliebt?“

 „Natürlich nicht. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen dagegen, verkuppelt zu werden. Aber mein Vater drohte, mich zu enterben – und so fügte ich mich eben.

 „Und dann?“

 „Als Mareks Eltern von meiner Schwangerschaft erfuhren, warfen sie mich raus.“

 „Und deine Eltern?“

 „Machten ihre Drohung wahr und enterbten mich. Der Hof wurde auf meine Schwester überschrieben. Daraufhin ging ich nach München. In der Großstadt kannte mich niemand. Dort war eine Schwangere ohne Mann längt nicht so verfemt wie hier. Ich schlug mich mit Näharbeiten durch, um den Unterhalt für mich und Toni zu verdienen.“

 „Aber wie kommt es dazu, dass du jetzt den ‚Dorfkrug’ bewirtschaftest?“

 „Ich habe ihn geerbt. Von meiner Tante Edelgard.“

 „Edelgard Hofbauer ist deine Tante?“

 „War“, verbessert Katharina. „Das ist eins der am besten gehüteten Geheimnisse im Dorf. Tante Edelgard war - ach, egal. Es tut nichts zur Sache.“

     „Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du schwanger bist? Wenn ich das geahnt hätte …“

„Ich wusste es doch selber nicht. Ich erfuhr es erst, als du schon weg warst. Aber sag – wo warst du in all den Jahren eigentlich? Und wieso bist du wiedergekommen? Ausgerechnet jetzt?“

     „Ich war mal hier, mal dort – in der ganzen Welt unterwegs“, antwortet er vage. „Ich war technisch immer sehr geschickt, das weißt du ja. Ich habe mich bei einer  Firma beworben, die Nähmaschinen herstellt, und bekam den Job. Die schickten mich oft auf Montage. Manchmal war ich ein halbes Jahr weg aus Deutschland … und das war mir nur allzu recht. So konnte ich meine Niederlage wenigstens zeitweise vergessen …  Warum ich gerade jetzt wiedergekommen bin? Eine Frage, die ich mir nicht einmal selbst beantworten kann.“

     „Keine Familie?“, will Katharina wissen.

     „Nein. Ein paar lose Beziehungen. Die dauerten allenfalls ein paar Wochen. Sie sind immer an der Geographie zugrunde gegangen. Kaum eine Frau hält es lange aus, wenn der Mann monatelang unterwegs ist.“

„Wirst du nun hierbleiben?“

„Ich weiß es noch nicht“, antwortet er wahrheitsgemäß. „Es kommt darauf an, ob ich eine Möglichkeit finde, Geld zu verdienen. – Nähmaschinen-Mechaniker sind hier vermutlich nicht sehr gefragt“, fügt er mit einem schiefen Grinsen hinzu. „Naja, und  Toni – ich weiß nicht, ob er sich daran gewöhnen kann, plötzlich einen Vater zu haben!"

 „Lass ihm Zeit. Es kommt alles so plötzlich! – Schau“, unterbricht sie sich selbst und deutet aus dem Fenster. „Es hat aufgehört zu regnen! – Komm, lass uns nachsehen, ob unsere Kastanie das Gewitter gut überstanden hat!“

 

 

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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