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Abgesagt

 

Seit Anfang Oktober liege ich nun hier. Jetzt haben wir Februar. Und noch immer hat sich niemand für mich interessiert. Wenn das so weitergeht, werde ich vermutlich in ein paar Tagen in der Versenkung verschwinden. Irgendwo in einem Müllcontainer. Im nächsten Jahr braucht mich niemand mehr.

 

Vorhin war die dralle Verkäuferin wieder hier – die Blonde mit dem geflochtenen Haarkranz, die immer so tolle Dirndkleider trägt. Sie hat ihre Chefin gefragt, ob sie mich und meine Geschwister nicht endlich entsorgen kann – sie bräuchte den Platz für neue Ware.

 

„Wir senken den Preis und warten noch bis Mitte Februar. Was dann nicht verkauft ist, wird entsorgt.“

 

Ich bekam ein neues Preisschild auf meine Zellophanhülle geklebt und wartete weiter. Und dann geschah das Wunder!

 

Ein Mann, der sich im Laden die Zeit vertrieb, während seine Frau nebenan beim Metzger anstand, sah mich liegen, nahm mich in die Hand und überlegte eine Minute. Dann nahm er mich mit zur Kasse, bezahlte und trug mich hinaus, um sich mit mir vor dem Laden auf eine leere Bank zu setzen.

 

Wenig später kam seine Frau mit einer gut gefüllten Stofftasche und setzte sich neben ihn, um ihre brennenden Füße ein Weilchen auszuruhen.

 

„Schau mal Putzi, ich habe was für dich“, sagte der Mann und überreichte mich mit feierlicher Gebärde seiner Frau.

 

Putzi guckte zuerst ein bisschen skeptisch. Aber dann zupfte sie die Plastikfolie von mir herunter und strich zart über meinen roten samtigen Einband, bevor sie mich aufklappte.

 

„Wie lieb von dir,“, strahlte sie. „Jetzt habe ich endlich genügend Platz für meine Notizen und muss nicht immer so klein schreiben, damit ich alles unterbringe!“

 

Mitten im Einkaufszentrum fiel sie ihrem Mann um den Hals und küsste ihn herzhaft auf den Mund.

 

„Nicht doch, Putzi“, wehrte der Mann verlegen ab. „Wenn uns jemand sieht …“

 

„Na, wenn schon. Wir sind schließlich verheiratet! – Übrigens können wir gehen – ich habe alles!“

 

Kaum zu Hause angekommen, schleuderte Putzi ihre unbequemen Stiefeletten in die nächste Ecke. Sie setzte sich mit mir an den Wohnzimmertisch, klappte die erste Seite auf und begann zu schreiben.

 

Seite um Seite füllte sich – mit Daten, Orten, Ereignissen. Seltsame Dinge nahmen Gestalt an. ‚Lesung’ zum Beispiel. Oder ‚Dr. Faulig’.   Dass es sich bei diesem Namen um Putzis Zahnarzt handelte, erfuhr ich erst viel später. Oder ‚ MDS’, ‚KK mit Mädels’, AH-Stammtisch’ … lauter rätselhafte Einträge. Die Bedeutung der meisten habe ich bis heute nicht erfahren. Doch meine neue Besitzerin schien eine vielbeschäftigte Person zu sein.

 

Und dann kam er, jener Abend. Es hatte sich seit Tagen angedeutet – aber weder Putzi noch ihr Mann oder irgend jemand sonst hatte die Anzeichen sehen wollen.

 

Das Telefon läutete gleich nach der Tagesschau.

 

„Du hast die Nachrichten gesehen?“, fragte Carlo.

 

„Natürlich. Und ich weiß, was das bedeutet. Schade … aber vielleicht dauert es ja nur zwei Wochen, und danach geht es weiter!“ Putzis Stimme klang optimistisch.

 

„Ich hoffe“, antwortete Carlo. „Mach’s gut – wir bleiben in Verbindung …“

 

Ein Träne rollte über Putzis Gesicht, als sie zum ersten Mal den roten Filzstift zur Hand nahm und die Eintragung mit dem Titel ‚Lesung’ durchstrich. Darunter schrieb sie in Großbuchstaben ‚ABGESAGT’.

 

Viele weitere derartige Einträge folgten. Putzis Stimmung sank immer tiefer, je mehr es wurden. Immer öfter nahm sie mich zur Hand und  strich traurig über meinen Einband, bevor sie erneut das verhasste Wort schrieb: ‚ABGESAGT’

 

 

 

Und jetzt?

 

Inzwischen haben wir April. Alle Termine sind gestrichen – selbst diejenigen, die erst  für Mitte des Jahres geplant waren. Nur ein paar sind noch übrig – zwei Arzttermine und zwei Veranstaltungen im November und Dezember. Doch ob die stattfinden können, steht noch in den Sternen.

 

Jetzt liege ich wieder nutzlos herum. Putzi nimmt mich nur noch selten in die Hand. Und wenn, dann höchstens aus Versehen.

 

Was soll jetzt aus mir werden? Gibt es vielleicht Hoffnung, dass der Tag kommt, an dem wieder alles seinen normalen Gang geht? Wird Putzi irgendwann wieder freudestrahlend neue Daten, Orte und Geschehnisse auf meine Seiten schreiben?  Werden die vielen leeren Seiten, die ich noch habe, irgendwann mit Leben gefüllt werden?

 

Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es. Denn wenn die Lage so dramatisch bleibt und tatsächlich fast das gesamte Leben bis zum Jahresende stillstehen sollte, dann bin ich endgültig überflüssig geworden. Ab dem ersten Januar wird ein Nachfolger meine Aufgaben übernehmen …

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

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