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Ein Hauch von Normalität

 

Gott sei Dank darf man momentan wenigstens spazieren gehen. Und Fahrrad fahren. Nein – wir gehören nicht zu denen, die urplötzlich ihre Liebe zum Radsport entdeckt haben. Wir waren auch schon früher viel und gerne mit dem Rad unterwegs. Unsere Touren sind zwar in den letzten Jahren - unserem Alter entsprechend – kürzer und gemächlicher geworden, aber geradelt sind wir immer. Mal mehr, mal weniger.

 

Vor zwei Tagen hat mein Mann beschlossen, dass es – dank der ungewöhnlich milden Temperatur – an der Zeit sei, die Radsaison einzuläuten. Das heißt, er kontrollierte schon mitten in der Nacht, während ich noch im Tiefschlaf lag, ob alles in Ordnung ist. Das ist von jeher seine Aufgabe. Ich bin nämlich nicht einmal imstande, einen Reifen aufzupumpen. Aber fahren kann ich. Immerhin.

 

Nach dem Mittagessen stiegen wir auf unsere Drahtesel. Natürlich veranstalteten wir nicht unsere gewohnte Drei-Seen-Fahrt (großer Dutzendteich - kleiner Dutzendteich – Silbersee). Viel zu viel Betrieb. Da geht es schon unter normalen Umständen zu wie auf der A9 kurz vor München am Beginn der Sommerferien. Wie jetzt die Lage dort ist, während achtzig Prozent der Nürnberger Einwohner plötzlich ihre Liebe zum Spazierengehen entdecken, wollen wir lieber gar nicht wissen.

 

Nein, wir haben unsere speziellen Ecken, wo wir gewöhnlich kaum auf Menschen treffen. Mein Mann ist hier zu Hause und kennt Pfade, die vermutlich nicht einmal Hirsch und Reh je betreten würden. Dass das Radfahren unter diesen Umständen manchmal – sagen wir – sehr beschwerlich ist, kann man sich vorstellen. Ich habe schließlich nur ein ordinäres Citybike!

 

Wir wohnen am Stadtrand und nach zehn Minuten sind wir im Wald. Mein Mann braucht nur fünf Minuten. Was das über meine Fitness aussagt, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen ...

 

Zum ersten Mal in dieser verrückten Zeit aufs Rad zu steigen, war für mich ein Erlebnis. Es fühlte sich so normal an .... wie in früheren Jahren. Vogelgezwitscher, der Duft nach frischem Grün, Ruhe, Frieden, Stille ... Corona war so weit weg wie der Mond von der Erde. Mindestens.

 

Ungefähr eine Dreiviertelstunde von uns gibt es einen kleinen See – Eisweiher genannt – der für uns Nürnberger ein beliebtes Ausflugsziel ist. (Na gut, die Dreiviertelstunde ist für lahme Enten wie mich. Mein Mann schafft es in der halben Zeit)

 

Doch als wir dort ankamen, war Corona auf einmal wieder da. Nein, es hing nicht in der Luft. Aber sehen konnten wir es trotzdem.

 

Die wenigen Menschen, die heute dorthin gepilgert waren, standen weit auseinander. Pärchen- oder familienweise, wie es sich gehört. Keine Gruppe sprach mit der anderen. Jeder starrte auf den Weiher, auf das Lenkrad seines Fahrrads oder sonstwohin. So, als hätten die anderen die Beulenpest oder sonst eine ansteckende Krankheit. Als sei jeder, der es wagte, dort aufzukreuzen, ein potentieller Seuchenherd ...

 

Normalerweise ist das ein Unding. Am Eisweiher spricht jeder mit jedem, egal, ob man sich kennt oder nicht. Die Enten und die Kanadagänse werden gefüttert (auch wenn man das eigentlich nicht soll). Kinder spielen und kreischen, ältere Herrschaften ratschen über Gott und die Welt ... und heute? Totenstille. Selbst die Kanadagänse ließen sich nicht sehen. Nur ein paar Enten schwammen unbeirrt ihre Bahnen.

 

Es wirkte gespenstisch. Und auf einmal merkten wir: Corona ist allgegenwärtig. Selbst in der Natur ...

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

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