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Zwischen Frust und Hoffnung

 

 So, nun ist Ostern also Geschichte. Das seltsamste, ungewöhnlichste Osterfest, das die meisten von uns erlebt haben dürften ...

 

Mir persönlich ist nicht viel abgegangen. Das Treffen mit unseren Freunden, das wir mehr als 20 Jahre über die Osterfeiertage veranstaltet haben, hatten wir schon vor Monaten  – da war Corona nur eine Biersorte – auf den Sommer verlegt. Weil wir bisher schon oft das Pech hatten, dass ausgerechnet an Ostern das Wetter zum Heulen war. Eltern oder Kinder, deren Besuche wir vermissen würden, gibt es nicht. Also alles ganz entspannt?

 

Nun ja ...

 

Unter normalen Umständen wären wir bei schönem Wetter auf unser Wochenend-Grundstück gefahren. Aber wie hätten wir das der Polizei erklären sollen? Vielleicht so: „Die Mäuse in unserer Gartenhütte sind hungrig – die brauchen Futter ... – die Terrasse liegt voller alter Blätter, das sieht so schlampig aus ... – wir brauchen unbedingt Zweige für unseren Osterstrauß ... oder „unser Auto muss mal wieder an die frische Luft ...“ Ich bezweifele mit Recht, dass die Polizei das als wichtigen Grund anerkannt hätte, aus dem wir unbedingt das Haus verlassen müssen!

 

Also sind wir artig daheim geblieben. Gehorsam wie kleine Kinder, denen Mama Hausarrest verordnet hat, weil sie irgend etwas ausgefressen haben. Nur ... was haben wir eigentlich angestellt?

 

Unser einziges ‚Vergehen’ ist unser Alter. Wir sind über 65 ... welcher Frevel! Einzig und allein aus diesem Grund sind wir angeblich besonders ‚schützenswert’. Aber niemand hat uns gefragt, ob wir das überhaupt wollen. Tztztz ... Man traut uns einfach nicht mehr zu, eigenverantwortlich denken und handeln zu können! 

 

Nein, auch wir haben kein Interesse daran, uns dieses blöde Virus einzufangen und im Krankenhaus zu stranden. Um Himmels willen! Auch wir machen freiwillig einen großen Bogen um jedes menschliche Wesen, das uns begegnet. Deshalb haben wir ja auch dankend darauf verzichtet, uns den Massen von Frischluftfanatikern anzuschließen, die sich derzeit überall tummeln.

 

Absehen davon – und jetzt kommt die andere Seite der unfreiwilligen Isolation: es macht gar keinen Spaß mehr, das Haus zu verlassen. Wozu auch? Die Straßen sind leergefegt, und wenn man Menschen trifft, glotzen sie auf den Boden. Als könnten sie dort die Viren sehen, die wir bei unserem bloßen Erscheinen verstreut haben.

 

Vielleicht haben sie uns aber auch nicht erkannt? Ist schließlich nicht so einfach wenn man bis zu den Augen maskiert ist! Nebenbei bemerkt: Man darf gespannt sein, wann die ersten Leute überfallen und beklaut werden. Oder die ersten Spitzbuben sich die Konjunktur zunutze machen und sich auf Tankstellenüberfälle spezialisieren ... Man versuche mal einen Räuber zu beschreiben, der eine Maske vorm Gesicht hat! Es sei denn, er wäre so dämlich, eine selbst genähte mit Regenbogenmotiv oder im Fliegenpilz-Design zu benutzen ...

 

Das Eingesperrtsein treibt aber auch sonst absonderliche Blüten. Heute klingelte  – nach Tagen – wieder einmal ein Paketbote bei uns, um eine Sendung für eine Nachbarin abzugeben. Ich habe mich doch tatsächlich bei dem Gedanken ertappt, ob an der Kiste vielleicht Viren kleben könnten! Ich habe den Karton in den Flur gestellt und bin sofort ins Bad gerast, um mir – wie vorgeschrieben – die Hände zu schrubben! Ich glaube, so viel Seife wie in den letzten paar Wochen habe ich früher in fünf Jahren nicht verbraucht! Mittlerweile könnte ich die Kartoffeln für die Baggers auf meinen Händen reiben, so rauh sind sie vom vielen Waschen geworden ...

 

Ich glaube, allmählich werde ich paranoid! Wenn ich daran denke, dass ich noch vor kurzem keinerlei Bedenken hatte, jemandem zur Begrüßung die Hand zu schütteln oder den Betreffenden zu umarmen ... oder ohne darüber nachzudenken die Toilette in einem Kaufhaus oder in einer Gaststätte benutzt habe ...

 

Aber wen wundert’s? Vierundzwanzig Stunden täglich, sieben Tage die Woche wird man von jedem beliebigen Fernsehsender, vom Radio und dem Internet vor den bösen Viren gewarnt. Man sieht sie schon an den Wänden und am Fußboden kleben, und im Geiste ploppen unentwegt die aktuellen Zahlen an Infizierten und beatmungspflichtigen Corona-Patienten auf.

 

Ganz abgesehen von den ins Kraut schießenden Spekulationen, was man uns wohl morgen – wenn die Damen und Herren Ministerpräsidenten ihre Beratungen beendet haben – wieder für neue Bosheiten auftischen wird ...

 

Ich werde mich daran ganz sicher nicht beteiligen. So ungeduldig ich sonst sein kann – aber heute Nacht möchte ich gerne noch mal halbwegs ruhig schlafen! Denn dass man uns von jetzt auf gleich unsere Freiheit zurückgibt, ist unvorstellbar. Die kriegen wir allenfalls häppchenweise wieder. Mit Abstand und Mundschutz!

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

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