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Reisen in Corona-Zeiten

 

Gerade habe ich erstaunt festgestellt, dass seit meinem letzten Eintrag in mein Corona-Tagebuch auf den Tag genau fünf Monate vergangen sind. Fünf Monate! Und noch immer gibt es kein normales Leben. Jedenfalls nicht das, wie wir es aus „Vor-Corona-Zeiten" kennen. Das Virus hat uns immer noch beim Wickel, und so wie es aussieht, wird es uns auch nicht wieder verlassen. Wie auch? Leider fliegen noch keine Raketen zum Mars, in die man es verfrachten könnte, auf dass es die grünen Männchen heimsuchen möge. Wirklich blöd!

 

Je länger das Biest uns mit seiner unwillkommenen Anwesenheit nervt, um so chaotischer werden die Anordnungen, die es zu befolgen gilt. Beispiel gefällig?

 

Nehmen wir mal an, Sie bekommen eine Einladung zum fünfundachtzigsten Geburtstag von Onkel Kurt. Die Feier findet, da der Onkel nicht nur sehr begütert, sondern auch ausgesprochen honorig ist, auf dem Nebelhorn statt.

 

Natürlich möchten Sie an der Feier gerne teilnehmen. Aber ich rate Ihnen: stecken Sie sich ins Reisegepäck eine Rolle Toilettenpapier. Nicht für den eigentlichen Zweck, da finden Sie vor Ort bestimmt welches, sofern es nicht geklaut wurde. Aber die ist wenigstens lang genug, dass Sie alle Anordnungen, die es unterwegs zu befolgen gilt, drauf passen. Vielleicht brauchen Sie aber auch zwei. Je nachdem, wie groß Sie schreiben.

 

Also, Sie steigen in Nürnberg in den ICE. Sofern es Ihnen nichts ausmacht, stundenlang maskiert auf Bahnhöfen, in Zugabteilen und sogar auf der Zugtoilette zu hocken. Dabei ist der Fasching doch dieses Jahr abgesagt!

 

In München müssen Sie, bevor Sie in den Bummelzug nach Kempten umsteigen,  erst mal einen negativen Corona-Test vorweisen. Da Sie sich in Bayern aufhalten, wo die Vorschriften besonders streng sind, kann es Ihnen passieren, das Sie trotzdem erst mal in Quarantäne müssen. Auf eigene Kosten natürlich, denn dafür kann Onkel Kurt schließlich nichts.

 

Vielleicht entlässt man Sie ja nach drei oder neun oder fünfzehn Tagen, wenn Sie endlich das Ergebnis des zweiten Tests erhalten (und dieser wiederum negativ ist), wieder in Freiheit. 

 

Ihre Fahrkarte ist natürlich inzwischen verfallen, und die Vorschriften, die Sie zu Hause so penibel auf Ihrer Klorolle notiert haben, sind hinfällig. Die werden schließlich fast im Stundentakt geändert. 

 

Nach ausgiebiger Internet-Recherche und längerem Warten schaffen Sie es dann doch, einen Zug zu erwischen und stranden irgendwann in Kempten. Nun müssen Sie auch noch nach Oberstdorf. Aber Sie haben Glück – das nette Ehepaar, das Ihnen die Fahrt mit Schokoriegeln und Kaffee versüßt hat (immerhin dürfen Sie ja zum Essen und Trinken die Maske unters Kinn hängen), wird in Kempten mit dem Auto abgeholt und bietet Ihnen an, Sie nach Oberstdorf mitzunehmen.

 

Ihre Zimmerreservierung  hat sich mittlerweile erledigt. Logisch. Zum einen, weil Sie  so lange in Quarantäne zugebracht haben. Zum anderen wurde vor eineinhalb Stunden der Lockdown über den Vorort, in dem Ihr Hotel steht verhängt.  Pensionen, Cafés, Bars, Geschäfte, Schulen, Friseursalons – alles dicht. Mit sofortiger Wirkung. Der sonst so belebte Ort wirkt wie eine Geisterstadt aus einem Western. Bloß fliegen keine verdorrten Büsche herum.

 

Die Unglücklichen, die gerade hier im Urlaub waren, wurden auf der Stelle nach Hause geschickt, um eventuell eingefangene Viren auch dort großzügig zu verteilen.

 

Die Apotheke hat offen. Immerhin können Sie sich da Beruhigungstabletten kaufen, bevor Sie mit der Überlegung beginnen, was Sie jetzt machen sollen. Die haben Sie garantiert nötig!

 

Und Onkel Kurts Geburtstagsfeier? Die hat er auf den dreizehnten September 2030 verschoben. Da wird er fünfundneunzig.

 

Am besten, Sie fahren erst mal nach Hause, waschen Ihre Wäsche und starten übernächste Woche erneut gen Süden. In der Hoffnung, dass Onkel Kurt bis dahin noch lebt und Sie dann wenigstens rechtzeitig auf dem Nebelhorn sind ... 

 

 

 

 

 

© Christine Rieger / 2020

 

 

 

 

 

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