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Kleines Virus - großer Ärger

 

 

Eigentlich sieht das Virus harmlos aus – falls es wirklich so aussieht, wie man es immer im Fernsehen oder in der Zeitung sieht. Eine runde (oder zumindest beinahe runde) Kugel mit Stacheln dran. Es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den bekannten Massagebällchen, mit denen man angeblich Muskelverspannungen lösen kann. Angeblich. Bei mir funktioniert es nicht. (Vermutlich, weil ich nur ab und zu mal dran denke, es zu benutzen, und das nimmt es übel).

 

Leider ist das Virus nicht harmlos. Immerhin sorgt es seit Monaten weltweit dafür, dass allenthalben Chaos, Ratlosigkeit und Stress herrscht.

 

Vorteile hat es wenig. Jedenfalls auf den ersten Blick. Es springt einem ständig in die Augen – nicht nur als putziges Stachelbällchen, sondern auch indirekt. Man muss ja nur aus dem Fenster gucken. Wenn beispielsweise der Bus hält, kann man beobachten, wie bei den meisten Menschen eine Hand sofort zum Gesicht langt und die Maske runter reißt. Wären unsere Fenster nicht schalldicht, könnte man das kollektive Einatmen sogar hören. Sofern nicht gerade ein Motorrad mit Karacho über die Ampel schießt und dessen Fahrer allen mitteilen muss, dass er jetzt auf der Piste ist.

 

Eine weitere Gelegenheit, mit dem Virus indirekt konfrontiert zu werden, ist das Verlassen des Hauses. Wenn man, wie ich, in einem Außenbezirk wohnt, geht es  noch. In der Stadt oder in Einkaufszentren trifft man ausschließlich maskierte Mitmenschen an. Die meisten mit genervten, bösen oder deprimierten Blicken. Viel mehr als Augen sieht man ja nicht mehr. Die Leute umgehen einen wie einen Kuhfladen auf der Alm. Bloß nicht reintreten, respektive dem Gegenüber zu nahe kommen. Der oder die könnte ja eine Virenschleuder sein. Igitt!

 

Fernseher einschalten, Zeitung lesen oder das Internet sollte man tunlichst meiden, wenn man dem Virus und seinen Auswirkungen nicht begegnen will. Aber das ist schwierig. Es sei denn, man interessiert sich für die gängigen Seifenopern in den Privatsendern. Oder für Krimiserien aus Hamburg, Rosenheim, Hintertupfing und Plitzeberg. Die gibt es nach wie vor. Aber selbst da tragen die Darsteller mittlerweile Masken.

 

Kochsendungen wären noch eine Möglichkeit. Die haben nicht nur den Vorteil, dass man maskenfreie Gesichter sieht. Andernfalls wäre das essen ein bisschen schwierig. Schweinebraten oder Nudeln mittels Strohhalm einnehmen ist nicht jedermanns Sache! Abgesehen davon wäre ein Kochkurs für manch einen, der sich bisher hauptsächlich von Fertigpizza und / oder Konserven ernährt hat, gar nicht so unnütz. Allerdings nicht die im Fernsehen. Die seltsamen Zutaten, die da verarbeitet werden, hat doch kaum einer vorrätig. Oder haben Sie Harissa, Sumachfrüchte und Samen vom Bockshornklee zu Hause? Also, ich nicht!

 

Jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgekommen. Also zurück zu Corona. Das kleine Biest sorgt nicht nur dafür, dass die Bürger nicht mehr können wie sie wollen, sondern auch für massenhaft Überstunden bei den politischen Entscheidungsträgern. Langsam bekommt man allerdings den Eindruck, dass die auch nicht mehr wissen, was sie als Nächstes tun sollen. Noch mehr testen? Noch mehr Quarantäne anordnen? Irgendwo in Oberfranken ist mittlerweile der Busverkehr nur noch eingeschränkt möglich, weil ein Großteil der Fahrer entweder krank oder in Quarantäne ist. Selbiges beim Lehrpersonal in manchen Schulen.

 

Apropos Schulen: Bin ich froh, dass meine Schulzeit schon ein paar Jahrzehnte hinter mir liegt! Wenn ich mir vorstelle, dass jetzt, in der Winterzeit, jede halbe Stunde die Fenster bis zum Anschlag aufgerissen werden müssen ... Die Kälte ist schon schlimm genug, aber wie sollen Schüler und Lehrer sich konzentrieren, wenn sie ständig drauf achten müssen, die nächste Lüftungsorgie nicht zu verpassen? Frische Luft hat zwar noch niemandem geschadet. Aber man kann‘s auch übertreiben!  Wenn nämlich das Klassenzimmer kaum mehr eine Raumtemperatur über dreizehn Grad erreicht, finde ich das ziemlich kontraproduktiv. Corona kriegen die Schüler vielleicht nicht. Aber dafür sind sie dauernd erkältet. Was in der jetzigen Zeit aufs selbe rauskommt. Soll heißen: Corona-Test beim leisesten Hüsteln, Quarantäne bis zum Ergebnis (was in Bayern erfahrungsgemäß ein bisschen dauern kann), und in einer Woche das gleiche Spielchen wieder. Arme Schüler, arme Lehrer, arme Eltern!

 

So, aber jetzt genug von den fiesen Auswirkungen der kleinen Corona. Nach längerem Nachdenken sind mir nämlich auch Vorteile eingefallen!

 

Da wäre zuerst die Tatsache, dass ich seit ewigen Zeiten kein Minus auf meinem Konto hatte. Trotz diverser Einkäufe übers Internet. Eine ganze neue Erfahrung!

 

Weiterhin konnte ich erstaunt feststellen, dass mir so manches, was mir im Leben bisher wichtig war, überhaupt nicht fehlt. Stadtbummel zum Beispiel. Oder vermeintliche Freunde, die meine Telefonnummer allenfalls dann gefunden haben, wenn sie was von mir wollten.

 

Essengehen und Cafébesuche, Urlaubsreisen, Thermalbad sowie mein geliebtes Tanztraining vermisse ich dagegen sehr. Auch meine Stammtische, die Treffen mit meiner Autorengruppe, Lesungen, der Kontakt mit Publikum ... solche Sachen eben. Natürlich könnte ich einen Teil davon, zumindest eingeschränkt wahrnehmen. Aber das wäre nur eine halbe Sache. Und dafür bin ich nicht zu haben. Entweder alles oder nichts!

 

Ich hoffe nur, dass ich – sollte es Corona doch mal fad werden und das Virus beschließt, sich zum Mond oder zum Mars aufzumachen, nicht zu tatterig bin, um wenigstens einen Teil davon nachholen zu können. Soooo jung bin ich ja nun nicht mehr, und die Zeit läuft ...  

 

 

 

© Christine Rieger / 2020 

 

 

 

 

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