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Butter ist alle ...

 

Neben der Devise ‚Impfen ... Impfen ... Impfen ...’ gibt es noch ein weiteres Schlagwort, und das lautet: ‚Testen ... Testen ... Testen ...’

 

Wieso man das dreimal wiederholen muss, erschließt sich mir zwar nicht, aber vielleicht ist das ja jetzt ein neues Mantra. Früher hieß das mal ‚Omm’ und sollte zur Entspannung dienen. Ob es geholfen hat, kann ich nicht sagen – ich hab‘s nie probiert. Was ich aber sicher weiß: ‚Impfen’ und ‚Testen’ klingen nicht nach Beruhigung. Eher nach Dauerstress.

 

Bis jetzt stehen – zumindest in Deutschland – weder ausreichend Impfstoff noch genügend Testkits (nennt man die so?) zur Verfügung. Vielleicht darf man ja deshalb (noch) im Supermarkt Lebensmittel kaufen, ohne erst einen Marathon hinter sich zu bringen. Aber in Kürze sollen, so wurde es zumindest von der Politik versprochen, die Lager ausreichend gefüllt sein. Und dann wehe uns ...

 

Ich habe es längst aufgegeben, die Unterschiede zwischen PCB und Schnelltest, Spuck-, Gurgel- und Selbsttest zu verstehen. Muss ich auch nicht. Ich habe nicht die Absicht, unter solchen Voraussetzungen einen Laden oder ein Restaurant zu betreten!

 

Doof wäre es nur, wenn demnächst auch von Supermärkten, Discountern und Drogerien, Apotheken und Arztpraxen vor dem Betreten der heiligen Hallen ein solcher – selbstredend negativer – Test beizubringen wäre! Ganz nebenbei: Wieso nennt man das ‚positiv’, wenn man infiziert ist? Für den Getesteten ist das wohl eher negativ, zieht es doch immerhin die Intervention des Gesundheitsamtes, weitere Tests und, wenn man Pech hat, Quarantäne nach sich. Was daran ‚positiv’ sein soll, hätte ich schon gern gewusst!

 

Diesen absurden Sprachgebrauch, der im Klinikalltag vollkommen normal ist, habe ich nie verstanden. Wer sich das bloß ausgedacht hat? Aber ich schweife schon wieder ab. Dämlicher Hang, ständig vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Oder wie der Franke sagt: „Vom Oarsch zum G’sundheitsschatt“ ... Ich wollte doch eigentlich eine Zukunftsvision entwerfen. Aber gleich zur Warnung: die ist ganz und gar nicht positiv!

 

Stellen Sie sich vor, Sie kratzen beim Frühstück das letzte Restchen Butter aus der Dose, das eins Ihrer Familienmitglieder Ihnen gnädig hinterlassen hat. Das Marmeladenglas ist auch fast leer, und vom Brot ist nur noch das steinharte ‚Gnädzla’ – sprich: das Endstück übrig. Das reicht nicht mal mehr für heute Abend. Geschweige denn  für morgen früh. Sie beschließen also nach der letzten Tasse Kaffee, in den Supermarkt zu fahren. Und da kriegen Sie ganz große Augen!

 

Seit Ihrem letzten Einkauf vor einer Woche wurde auf dem großen Parkplatz – direkt vor dem Eingang – eine Reihe von Zelten aufgebaut. Rechts und links davon Absperrgitter. Also seitlich kein Durchkommen. Sie sind gezwungen, durch die Zeltstraße zu gehen.

 

Selbstverständlich ist der Zutritt nur mit Maske gestattet. Sie fummeln das schon sehr unappetitliche Ding aus Ihrer Jackentasche und hängen es sich vors Gesicht. Es gehört unbedingt entsorgt. Aber Sie haben vergessen, sich ein neues aus dem Apothekenschrank zu holen. Naja – für das bisschen Einkaufen muss es halt noch gehen.

 

 Mit angehaltenem Atem betreten Sie das erste Zelt. Drinnen steht, unmittelbar hinter dem Eingang, ein Automat. Der will Geld von Ihnen. Ein riesiger Aufsteller klärt Sie darüber auf, dass Sie vor dem Betreten des Supermarktes einen Coronatest zu absolvieren haben. Und der kostet. Bargeld nimmt der Apparat allerdings nicht entgegen. Sie brauchen eine Kreditkarte. Wer die nicht hat, ist schon verratzt.

 

Hinter Ihnen mault der nächste Kunde, weil Sie so lange nach dem blöden Plastikding suchen müssen, das sich ganz unten in Ihrer Brieftasche verkrümelt hat. Schließlich haben Sie das Teil vor zwei Jahren auf dem Kreuzfahrtschiff zum  letzten Mal gebraucht!

 

Endlich ist die Karte gefunden, der Obolus entrichtet. Ganz schön viel Geld, um nur ein Glas Marmelade, ein halbes Pfund Butter und ein Brot zu kaufen! Aber Sie werden gleich feststellen, dass das Ihr geringstes Problem ist!

 

Im nächsten Zelt befindet sich die Teststation. Ich erspare Ihnen jetzt die Schilderung, wie so ein Test abläuft. Nachdem seit Wochen und Monaten minütlich die Bilder davon über die Mattscheibe flimmern, weiß jeder, wie es geht.

 

Zelt Nummer drei ist der Wartesaal. Auf das Ergebnis. Im Abstand von mehreren Metern, getrennt durch Plexiglasscheiben, sitzen die anderen potentiellen Kunden und warten auf das Fallbeil. Rein oder nicht rein? Das ist hier die Frage ...

 

Sie haben Glück. Ihr Test ist negativ. Sie bekommen eine Bescheinigung ausgehändigt, die Sie an der Eingangstür vorzuzeigen haben.

 

Doch noch sind Sie nicht am Ziel. Es warten noch zwei weitere Stationen auf Sie.

 

Im nächsten Zelt steht ein Röntgengerät. Das ist dazu da, um festzustellen, ob Sie sich nichts gebrochen haben. Schließlich kann man es nicht verantworten, dass Sie zwischen Backshop und Käsetheke umkippen, weil Ihr Knöchel schlapp macht. Ihre Versicherung, weder Schmerzen zu haben noch in den letzten fünf Jahren gestürzt zu sein, nützt Ihnen nichts. Ohne Röntgen kein Zutritt. Basta!

 

Zähneknirschend unterziehen Sie sich der Prozedur. Natürlich mit negativem Ergebnis. Und wieder stellt sich die Frage: Was ist daran negativ, dass man sich nichts gebrochen hat?

 

Eine weitere Bescheinigung wandert in Ihre Tasche. Der Eingang zum Supermarkt rückt in greifbare Nähe. Nur noch ein Zelt – aber das hat es in sich!

 

Fiebermessen ... Leibesvisitation ... Kontrolle der vorhin erworbenen Belege; zudem von Personalausweis, Führerschein und Geburtsurkunde. Registrierung aller Daten, inklusive Adresse, Handynummer, Kontaktdaten aller Familienmitglieder bis hin zur Großmutter (dass die vor zwanzig Jahren auf dem Südfriedhof beerdigt wurde, ist dabei zweitrangig).

 

Inzwischen sind zweieinhalb Stunden vergangen. Aber Sie haben es geschafft. Fast!

 

Beim Eintritt in die heilige Halle des Supermarktes wird mittels Bewegungsmelder die Desinfektionsdusche ausgelöst. Zwölf Liter eiskaltes Desinfektionsmittel ergießen sich über Ihr unschuldiges Haupt.

 

Triefend vor Nässe und halb blind (das scharfe Zeug brennt wie Feuer in Ihren Augen) tasten Sie sich durch die Regalreihen. Werfen Marmelade, Butter und die letzte Packung Toastbrot in Ihren Einkaufswagen.

 

An der Kasse angekommen, stehen Sie in weitem Abstand zu den drei anderen Kunden, die man gnädig hereingelassen hat. Bis Sie endlich an der Reihe sind, vergeht eine weitere halbe Stunde. Schließlich müssen nicht nur die Einkaufswagen und die gekauften Lebensmittel, sondern auch die Kreditkarten und das Bargeld erst umständlich desinfiziert werden, bevor die Kassiererin, angetan mit drei Paar Gummihandschuhen, FFP6-Maske und Raumanzug, die Kohle entgegen nehmen darf.

 

Uff, geschafft. Sie dürfen endlich durch den Hinterausgang den Supermarkt verlassen.

 

Kaum haben Sie Ihr Auto erreicht, reißen Sie sich die nach Desinfektionsmittel stinkende klatschnasse Maske vom Gesicht und schmeißen Ihre Einkäufe auf den Beifahrersitz. Den Einkaufswagen lassen Sie an Ort und Stelle stehen. Den jetzt noch ins Depot zu schaffen übersteigt Ihre Kräfte.

 

Mit aufheulendem Motor jagen Sie vom Parkplatz und schwören Stein und Bein, sich und Ihre Familie in den nächsten sechs Monaten ausschließlich von Pizza zu ernähren. Die kann man beim Italiener bestellen und frei Haus liefern lassen!

 

 

© Christine Rieger / 2021

 

 

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